Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graham Greene: Der dritte Mann

- die Erzählung zum Film.

Leserunde auf whatchareadin.

Hardcover, 207 Seiten
Edition Büchergilde, 2017

Vielen Dank der Büchergilde für dieses schöne illustrierte Leseexemplar.

"Der dritte Mann" ist eine Erzählung, die ursprünglich nur als Grundlage für den bekannten Film dienen sollte. Graham Greene beabsichtigte nicht sie zu veröffentlichen, glücklicherweise hat er es sich anders überlegt.
Ich selbst habe den Film nicht bewusst in Erinnerung, obwohl es durchaus sein kann, dass ich ihn irgendwann einmal gesehen habe. Nach der Lektüre werde ich ihn mir auf jeden Fall anschauen. Mein Vorteil ist, dass ich so unbelastet - ohne die Bilder des Films im Kopf zu haben - lesen und die wunderbar düsteren Illustrationen auf mich wirken lassen konnte.

Worum geht es?
Zu Beginn spricht ein Ich-Erzähler uns Leser*innen direkt an und bereitet uns auf den Schauplatz vor:

"Wenn Sie diese seltsame, ziemlich traurige Geschichte verstehen wollen, müssen Sie wenigstens einen Eindruck vom Hintergrund bekommen - von der zerstörten, trostlosen Stadt Wien..." (S.16).

Wien ist im Februar 1945 eine in Zonen unterteilte, zerstörte, trostlose Stadt. Der Protagonist der Geschichte ist neben dem Ich-Erzähler, der "fröhliche Trottel" Rollo Martins (S.15), in dem ein ständiger Konflikt herrscht.

"Rollo schaute jeder Frau nach, die vorbeikam, und Martins schwor den Frauen für alles Zeiten ab. Ich weiß nicht, welcher von beiden die Westernromane schrieb." (S.23)

Die Romane schreibt er unter dem Pseudonym Buck Dexter. Auf der Beerdigung von Harry Lime begegnet der Ich-Erzähler jenem Rollo zum ersten Mal und teilt mit, dass er das folgende Geschehen, das sich in jenem Februar 45 abgespielt hat, aus den Akten und in Gesprächen mit Martins rekonstruiert hat.

Der dritte Mann (S. 20/21)
Martins wird von seinem alten Schulfreund Harry Lime, eben jener, der beerdigt wurde, nach Wien eingeladen und verspricht ihm, alle Auslagen zu bezahlen. In Wien angekommen steht Martins aber allein da und so sucht er Lime in dessen Wohnung auf, wobei er erfährt, dass er von einem Auto überfahren worden ist und gerade beerdigt wird.
Nach der Beerdigung spricht ihn der Ich-Erzähler, Colonel Calloway, der für Scotland Yard arbeitet, an, und erzählt Rollo, dass Harry als Schieber gearbeitet habe. Rollo reagiert aggressiv auf diese Eröffnung und will der britischen Polizei beweisen, dass diese Anschuldigungen haltlos sind.
Im Hotel Sacher erwartet Rollo ein Mann namens Crabbin und ein auf den Namen Dexter gebuchtes Zimmer. Crabbin verwechselt Martins offenbar mit dem bekannten Autor Benjamin Dexter und lädt ihn für den übernächsten Tag zu einer Diskussion zum zeitgenössischen Roman ein - eine wirklich witzige Szene. Der Westernschreiber, der sich zu James Joyce äußern soll.

Zuvor erhält Rollo aber einen Anruf von Kurtz, angeblich ein Freund Harry Limes, der ihn kurz vor seinem Tod noch gebeten habe, sich um Rollo zu kümmern.
Sagte Calloway nicht, Lime sei sofort gestorben? Und wer ist die junge Frau, die am Grab gewesen ist? Der Reihe nach sucht Rollo alle am Unfall Beteiligten und einen Beobachter aus dem Haus auf. Neben dem Fahrer des Wagens, der Harry gekannt hat, und Kurtz stand auf der anderen Straßenseite Colonel Cooler, ebenfalls ein Freund Harrys. Doch der Beobachter hat neben diesen beiden, einen dritten Mann gesehen, der die Leiche Harrys ins Haus gebracht hat.
Wer ist der "dritte Mann"? War Harry wirklich in Schiebereien verwickelt? Welche Rolle spielen Cooler und Kurtz bei dem Unfall?
Antworten und ein echter Showdown warten uns ;)

Bewertung
Ein sehr spannender Krimi, in wunderbarer Sprache und mit trockenem Humor durchsetzt, wie die Beschreibung des Wiener Zentralfriedhofs beweist,

"ein Schneetoupet war über ein Engelsgesicht verrutscht, ein Heiliger trug einen dichten, weißen Schnurrbart, und ein Tschako aus Schnee saß in beschwipstem Winkel auf der Büste eines höheren Staatsdieners namens Wolfgang Gottmann." (S.27)

Der dritte Mann (S.190)
Die verschiedenen Zeitebenen sorgen für zusätzliche Spannung, da Colonel Calloway rückblickend von den Ereignissen erzählt, kann er Voraus- und Andeutungen machen, falsche Spuren legen und Ereignisse bewerten. Der Roman gibt aber auch einen authentischen Eindruck vom besetzen Wien, von der Aufteilung in vier Zonen - russische, amerikanische, britische und französische. Die mangelnde Zusammenarbeit der Russen mit den Westmächten deutet schon auf den kommenden kalten Krieg hin. Die düstere Atmosphäre wird in den Illustrationen wunderbar widergespiegelt, aber aufgelockert mit humoristischen Szenen.
Der Autor arbeitet bewusst mit Stereotypen, so ist der französische Soldat bei einer Festnahme völlig entspannt, der Amerikaner heldenhaft, der Brite Gentleman und der Russe rüpelhaft. Satirisch werden die den Nationen zugesprochenen Eigenschaften vorgeführt. Auch Harry Lime stellt sich als skrupelloser Schurke dar, dem es um schnelles Geld geht. Nur Rollo ist ambivalent - weder ein waschechter Held noch ein Feigling - auf jeden Fall ein Sympathieträger.
Jetzt freue ich mich auf den Film und kann all denen, die nur den Film kennen, diese Erzählung ans Herz legen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

- "das Reale muß nicht unbedingt wahr und die Wahrheit nicht unbedingt real sein" (S.658)

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 766 Seiten
btb, 14. September 2007

Eigentlich ist der magische Realismus nicht mein bevorzugtes Genre. "Die gefährliche Geliebte", der einzige Roman, den ich bisher von Murakami gelesen habe, hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Trotzdem habe ich zugestimmt, als Mira vorgeschlagen hat, diesen Roman zu lesen. Unsere Lektüre war ebenso wie unser Austausch über unzählige Sprachnachrichten und ein langes Telefonat sehr intensiv. Gegenseitig haben wir uns motiviert, bis zum Ende durchzuhalten. Hat es sich gelohnt?

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht der 30-jährige Toru Okada, der seine Stellung in einer Anwaltskanzlei kündigt und auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Immer wieder hört er vom Haus aus

"den mechanischen Ruf eines Vogels (...), der so klang, als zöge er eine Feder auf. Wir nannten ihn den Aufziehvogel. Kumiko hatte ihn so getauft. Wir wußten nicht, wie er wirklich hieß oder wie er aussah, aber das störte den Aufziehvogel nicht. Jeden Tag kam er zur nahen Baumgruppe und zog die Feder unserer ruhigen kleine Welt auf." (S.14)

Doch diese ruhige Welt, in der Toru mit seiner Frau Kumiko lebt, gerät aus den Fugen. Zunächst ist ihr gemeinsamer Kater Noboru Wataya, benannt nach Kumikos Bruder, verschwunden und Toru soll sich auf die Suche nach ihm machen. Dazu klettert er über die Mauer hinter dem Haus in eine Gasse, deren Anfang und Ende zugemauert wurde und begibt sich zu dem verlassenen "Selbstmörderhaus" (Alle Menschen, die dort gewohnt haben, haben Selbstmord begangen). Dabei lernt er die 16-jährige May Kasahara kennen, die sich weigert zur Schule zu gehen und ein dunkles Geheimnis hat. Sie zeigt ihm auf dem verlassenen Gelände einen ausgetrockneten Brunnen, neben dem "Aufziehvogel" ein weiteres Dingsymbol, das den Roman durchzieht.
Die seltsamen Ereignisse häufen sich. Toru wird von einer "Seherin", Malta Kano, angerufen, die ihm helfen soll, den Kater zu finden. Er lernt deren Schwester Kreta Kano kennen, die ihm ihre Lebensgeschichte offenbart, in der Kumikos Bruder eine unheilvolle Rolle spielt, da er sie "beschmutzt" hat. Daneben wird Toru von einer Telefon-Sex-Frau belästigt und plötzlich ohne Vorwarnung verlässt ihn seine Frau und verschwindet spurlos. Toru stellt sich die Frage:

"Und ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen vollkommen zu verstehen?" (S.34)

Ob die Abtreibung, die Kumiko entschieden hat, eine zentrale Rolle für die folgenden Ereignisse gespielt hat? Oder ihr Bruder, der als Politiker Karriere macht und von dem eine dunkle Macht auszugehen scheint und den Toru vollständig ablehnt? Auch Kumikos Brief, in dem sie zugibt, ihn betrogen zu haben, löst das Rätsel ihres Verschwindens nur unzureichend.

Torus Leben wird in dieser Zeit vor allem von Träumen bestimmt und oftmals fällt es schwer Traum und Realität auseinander zu halten. Weitere Figuren treten auf, wie der Leutnant Mamiya, dessen Lebensgeschichte ebenfalls im Verlauf der Handlung erzählt wird. Er wird im Jahre 1937 in die Mandschurei geschickt und landet während eines missglückten Geheimauftrages in einem ausgetrockneten Brunnen - zum Sterben verdammt. Doch er wird gerettet und indem er Toru seine Leidensgeschichte erzählt, erfahren wir etwas über die Geschichte Japans am Ende des 2.Weltkrieges.

Jener Brunnen inspiriert Toru in den ausgetrockneten Brunnen des Unglückshauses zu steigen - keine Szene für Klaustrophobiker (wie mich). Er versucht  ins Unterbewusstsein hinabzusteigen, sich von seinem Körper zu trennen und einen Weg zu Kumiko zu finden, die er in seinen Träumen sucht. Gezeichnet verlässt er den Brunnen und schließlich tauchen noch zwei weitere Figuren auf: Muskat und Zimt Akasaka - Mutter und Sohn, deren Lebensgeschichte erneut ins besetzte China in einen Zoo zurückführt, in dem Muskats Vater als Tierarzt gearbeitet hat.

"Während ich Zimt die Geschichte erzählte, sah ich alle Farben und Formen klar und deutlich vor mir, und es gelang mir, das, was ich sah, in Worte zu fassen - in genau die Worte, die ich brauchte - und ihm dadurch alles zu vermitteln. In jede Richtung ging es endlos weiter. Es gab immer weitere Details, die sich zusätzlich einfügen ließen, und die Geschichte gewann immer mehr an Tiefe und Weite und Raum." (S.562)

Das passt auch genau zu diesem Roman, viele Details, Lebensgeschichten, Unterbewusstsein, Traum, was ist noch wirklich?
Da gelingt es nicht immer den roten Faden festzuhalten, auch wenn am Schluss das lose Ende wieder auftaucht, bleiben viele Fragen offen.


Bewertung
Magischer Realismus - die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwindet. Unterbewusstes scheint real und erfordert von den Leser*innen sich auf diese teils surrealen Welten einzulassen.
Das ist nicht immer leicht, weil in diesem Roman die Grenzen fließend sind und ein klare Struktur fehlt. Es gibt sehr viele Figuren und ihre Geschichten, die für sich gesehen, sehr interessant sind, fließen ebenfalls ineinander. Die Zusammenhänge zu erkennen ist schwierig und fordert zur Interpretation heraus. Psychoanalytiker*innen hätten sicherlich ihre Freude an diesem Roman.

In unserem Telefongespräch haben Mira und ich versucht, die Situation Kumikos, die von ihrem Bruder ebenfalls "beschmutzt" wurde, zu deuten. Der Brunnen, der am Ende wieder Wasser spendet, als Zeichen dafür, dass sich Toru seinen Gefühlen hingibt, einen Zugang zu den Gefühlen Kumikos erreicht, die Barrieren zu ihr überwunden hat, ein tiefes Verständnis ihrer Situation erreicht.
Während in Torus Brunnen das Wasser zurückkehrt, vielleicht auch, weil er seinen Widersacher zumindest im Traum niedergestreckt hat, bleibt Leutnant Mamiya Brunnen trocken - ihm gelingt die Rache an seinem Feind nicht - eine Kontrastfigur zu Toru, weil er keinen Frieden und Glück finden kann?
Aufgefallen sind uns die vielen gewalttätigen Szenen, die die Schilderungen des Krieges zwischen Japan und Russland mit sich bringen. Aber auch Toru schlägt einen Sänger nieder und gerät so an einen Baseballschläger. Andere Szenen sind ebenfalls grausam - wie die Tötung der Tiere im Zoo. Vieles möchte man überlesen und schnell wieder vergessen.
Ein Roman, der zur Auseinandersetzung auffordert und sich nicht ohne Weiteres erschließt. Ich bin sehr froh, dass ich ihn gemeinsam mit Mira gelesen habe und wir immer im Austausch standen, so dass wir uns gegenseitig "entlasten" konnten.
Obwohl ich meine Schwierigkeiten mit dem Genre und der Thematik hatte, werde ich auf Miras Empfehlung noch "1Q84" lesen, ihrer Aussage nach eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Hier geht es zu Miras Rezension.


Samstag, 25. November 2017

Isabella Archan: Auch Killer haben Karies

- ein skurriler Kriminialroman.


Taschenbuch, 320 Seiten
Emons Verlag, 23. März 2017

Nachdem ich den Krimi "Helene geht baden" von Isabella Archan rezensiert hatte, war die Autorin, die auch schon in meiner Lieblings-Buchhandlung gelesen hat, so freundlich, mir einen ihrer weiteren Krimi zukommen zu lassen.

Auch dieses Mal kommt der Humor glücklicherweise nicht zu kurz und mildert so die recht drastischen Schilderungen des Mordes.




Worum geht es?

"Ebbi liebte ihren Mörder." (S.8)

So lautet der erste Satz des Romans, in dem zu Beginn minutiös beschrieben wird, wie ein Mann in Frauenkleidern von einem anderen stranguliert wird.

Währenddessen sitzen im Café gegenüber der Kölner Hauptkommissar Jakob Zimmer und Dr. Leocardia Kardiff, eine Zahnärztin mit Spritzenphobie, die sich beide während einer Mordermittlung kennen gelernt haben. ("Tote haben kein Zahnweh")

Sie werden während ihres 7.Dates Zeuge, wie "Ebbie" aus dem Fenster der Wohnung auf ein Auto fällt und Leo kann nur noch den Tod feststellen, während Jakob Zimmer sofort seine Kollegen - Birgit von Zeh, Per Kowalski und Luis Fahrenz - benachrichtigt und den Tatort, eine leere Wohnung, sichert.
Beim Toten handelt es sich um Eberhard Dallinger, 51 Jahre alt, wohnhaft in Köln, der eine ausgeprägte weibliche Seite hatte - daher die Frauenkleider, die jedoch nicht von seiner Frau stammen, die seine Vorliebe kennt.
Angestellt war er bei Hannes Probst, der eine Kosmetik-Serie vertreibt und am nächsten Tag in Leos Zahnarztpraxis auftaucht. Er ist einer von vier neuen Patienten, die sie am Tatort gesehen und dort erfahren haben, dass sie Zahnärztin ist.

Da auch die Innensicht des Mörders selbst eingenommen wird, erfahren wir als Leser*innen, dass einer der Neuen der Täter sein muss:

"Er hatte vor gerade mal einer Stunde mit stoischer Ruhe einen Gürtel um einen Hals gelegt und einen Körper zwei Etagen abwärts befördert, doch bereits seit seinem fünften Lebensjahr fürchtete er sich vor allem, was mit der Silbe "Zahn-" begann. Panisch. (...) Den ersten Stich an den unteren Vorderzähnen hatte er vorhin bei der Frage "Die Zahnärztin?" gespürt. Ausgesprochen von einer Polizistin in Zivil, die sich an ihm vorbei durch die Menge gekämpft hatte, ihren Ausweis in die Höhe haltend." (S.49, 50)

Am lustigsten sind die Kapitel, die aus der Ich-Perspektive Leos erzählt werden, die nicht nur von einer Spritzen-Phobie geplagt ist, sondern auch den Tick hat, sich selbst zu ohrfeigen, um sich zur Räson zu rufen. Sich zu sagen, nicht in die Ermittlungen einzugreifen. Sie ist 44 Jahre alt, geschieden, Mutter von 15-jährigen Zwillingen und scheint eine sehr neugierige Person zu sein, so dass sie sich natürlich einmischen wird und zwangsläufig in Gefahr gerät.

Die Suche nach dem Mörder entpuppt sich dabei als schwieriger als gedacht. Der junge Ermittler Luis findet heraus, dass es innerhalb Deutschlands und sogar in Bern weitere Fälle gibt, bei denen der oder die Tote nach dem Mord "gefallen" sind. Hat das Kölner Ermittlerteam es mit einem Serienkiller zu tun?
Der zunächst recht einfach erscheinende Fall hält noch eine erstaunliche Wende bereit.


Bewertung
Wie in "Helene geht baden"  haben wir es auch dieses Mal mit einem Täter zu tun, der psychisch krank ist, ohne dass dies im Detail geklärt wird. Schwankt der Krimi um Helene zwischen Gefahr und Komik, überwiegen in diesem Krimi die komischen Elemente. Dafür sorgt die schräge, chaotische, aber liebenswerte Leo, die auf eigene Faust Fragen stellt und in den Fokus der Gefahr gerät - und das gleich mehrmals.
Obwohl man recht früh weiß, wer der Täter ist, erfährt der Fall eine überraschende Wende und es zeigt sich, dass sich mehr dahinter verbirgt, als man zunächst ahnt.
Besonders gut haben mir die Wechsel in der Erzähl-Perpektive und die szenischen Elemente gefallen. Ein Kapitel besteht ausschließlich aus einem Dialog, einem Telefongespräch, und eines gibt wieder, was auf die Mailbox des Mörders gesprochen wird, ein weiteres ist "Eine Szene wie aus einem Drehbuch:" (S.273) mit entsprechenden Regieanweisungen.

Ein spannender, amüsanter und sehr unterhaltsamer Krimi, mit einem sympathischen Ermittler und einer schrägen Zahnärztin, die sicherlich noch in den ein oder anderen Fall hineingeraten wird - so deutet es zumindest der Epilog an.

Hier geht es zur Verlagsseite.

Sonntag, 19. November 2017

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

- melancholischer Kriminalroman.

Gebundene Ausgabe, 317 Seiten
Suhrkamp, 11. September 2017

Vielen Dank für das Leseexemplar, hier geht es zur Buchseite des Suhrkamp Verlages.


Der erste Teil der Reihe (den ich unbedingt noch lesen will!) um den pensionierten Kriminalkommissar Jakob Franck, Der namenlose Tag, wurde mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Dies ist nun der 2.Fall für den sympathischen Ermittler, der es sich auch in seinem Ruhestand zur Aufgabe gemacht hat, "Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen." (S.16)

Worum geht es in dem Mordfall?
Nachdem der 11-jährige Lennard Grabbe an einem stürmischen und regnerischen Abend nicht Hause kommt, beginnt eine fieberhafte Suche. 34 Tage später wird die Leiche in der Nähe eines Gasthofes gefunden, Tatort ist jedoch ein Spielplatz in der Nähe der Schule.
Jakob Franck sucht die Eltern auf, die ein Café betreiben, um ihnen die schreckliche Botschaft zu überbringen und "ermordet das Glück" dieser Familie.

">Ich habe Ihnen und Ihrem Mann eine schlimme Nachricht zu überbringen.<" Dann verschwand die Welt um sie herum.
Als die Welt wieder da war, gehörte Tanga Grabbe nicht mehr dazu." (S.12)

Tanja Grabbe, Lennards Mutter, zerbricht am Tod ihres Kindes, schließt sich in sein Zimmer ein. Auf der Beerdigung spricht sie sehr bewegend nur zu seinem Bild.

"Sie senkte den Kopf und bemerkte, dass sie eine gerahmte Fotografie in den Händen hielt. Das bist doch du, sagtes sie und betrachtete das sonnige Gesicht, zu ihm allein hatte sie gesprochen, nicht über ihn, nicht zu den anderen, nur zu ihm, ihrem Sohn; wenn er in ihrer Nähe war, brauchte sie niemanden sonst. Als er auf die Welt kam, brachte er sie mit." (S.54)

Sie weigert sich mit ihrem Mann Stephan und ihrem Bruder, Maximilian Hofmeister, zu sprechen, obwohl sie mit letzterem innig verbunden ist. Auch Max´ Glück, der seiner Schwester zuliebe den Friseursalon des Vaters übernommen hat, scheint verloren - ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit bemächtigt sich seiner und will ans Licht.
Während die Sonderkommission keinen Schritt bei der Tätersuche vorankommt, begibt sich Franck auf Spurensuche. Seine Ehe ist vor 20 Jahren gescheitert, da Francks Gedanken sich fast ausschließlich um seine Arbeit gedreht haben und vielleicht auch, weil die Ehe kinderlos geblieben ist. Doch immer noch ist er seiner Ex-Frau verbunden und trifft sie regelmäßig.
In seiner Erinnerung tauchen die ungelösten Fälle seiner Vergangenheit auf und immer wieder seine Schwester, die ebenfalls ermordet worden ist.

"An diesem frostigen Montagnachmittag taumelte Franck, unbemerkt von seinem Begleiter, in seine eigene Welt; in dieser Welt hatte er seine Schwester verloren und nie aufgehört, sie zu vermissen; als läge ihr Tod nicht schon fast ein ganzes Leben zurück, sondern vielleicht erst drei Monate - so lange wie die Ermordung des elfjährigen Lennard." (S.177)

In einer Art Meditation bündelt er seine Gedanken und begibt sich auf die Suche nach dem Fossil, dem Puzzleteilchen, das zur Aufklärung des Falls führt. Er verbringt Stunden am Tatort, geht alle Zeugenaussagen und Protokolle noch einmal durch, bis er endlich das entscheidende Detail entdeckt.

Bewertung
Eigentlich lese ich prinzipiell keine Kriminalromane, in deren Mittelpunkt die Ermordung eines Kindes steht und die Eltern in ihrer Trauer zurückbleiben, da es mir zu nahe geht. Doch mehrere Rezensionen haben mich auf den Roman neugierig gemacht, so dass ich eine Ausnahme gemacht habe.

Friedrich Ani spart die Trauer der Mutter nicht aus, als Leser*in taucht man tief in ihre Gedanken hinein und kann die Ermordung des Glücks mit-fühlen. Dadurch, dass die Gedanken und Gefühle jedoch in der erlebten Rede (Sie-/Er-Perspektive) erzählt werden, entsteht eine Distanz, die es ermöglicht, die Trauer der Protagonisten zu ertragen. Trotzdem ist ein sehr melancholischer Krimi, in dem die fragile Familienkonstellation der Grabbes völlig zerbricht und der Bruder Tanjas für eine alte Schuld bezahlen kann. Menschliche Abgründe - überall.

Natürlich ist der Kriminalroman auch spannend, die fast schon exzessive Suche Francks nach dem Mörder erzeugt einen Sog, dem ich mich nicht widersetzen konnte und fast glaubt man, das Fossil werde nie gefunden.

Ein beeindruckender Roman, in dem die Suche nach dem Mörder ebenso im Vordergrund steht wie die trauernden und verzweifelten Hinterbliebenen und der beharrliche, empathische Ermittler, von dem es hoffentlich noch weitere Fälle geben wird.




Donnerstag, 16. November 2017

Robert Menasse: Die Hauptstadt

- eine europäische Farce.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Berkel
14 Stunden 21 Minuten

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen ein Interview mit Robert Menasse mitzuerleben, in dem er sich als überzeugter Europäer präsentiert hat. Da er für seinen Roman den Deutschen Buchpreis erhalten hat, war meine Neugier geweckt.


Worum geht es?

Ein Schwein läuft durch Brüssel. Zuerst sieht es der Belgier David de Vriend, Holocaust-Überlebender, der nach 60 Jahren seine Wohnung verlässt, um in ein Altenheim zu ziehen.
Karl-Uwe Frigge, Deutscher und EU-Beamter, der in der Generaldirektion Trade der Europäischen Kommission arbeitet, erblickt das Schwein von seinem Taxi aus. 
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommision, wartet auf jenen Frigge, in den sie sich verliebt hat. Er soll ihr helfen aus dem ungeliebten Kulturbereich herauszukommen. Aus einem Restaurant heraus beobachtet sie das rosa Hausschwein, das Richtung Hotel Atlas läuft, aus dem gerade der Mörder Richard Ossietzky tritt.
Ein Mordfall, dem sich der Kommissar Brunfaut annehmen wird und der dann einfach zu den AKten gelegt wird und auch nicht gelöst werden wird - wie so viele Probleme der europäischen Union.

Martin Susmann, österreichischer Bauernsohn und Referent bei Fenia, dessen Bruder Florian einen großen Schweinemastbetrieb unterhält und der den Einfluss Martin in Brüssel gelten machen will, sieht das Schwein von seiner Wohnung aus, wie es gerade jemanden zu Boden wirft.

Professor Alois Erhart, Erimitus der Volkswirtschaft und eingeladen zu einem Think-Tank der Kommission, Europa, hilft jenem Mann, der vom Schwein zu Boden gestoßen wurde, einem Immigranten, dem durch den Kopf geht: „Sein Vater hatte ihn vor Europa gewarnt.“

In diesem furiosen Prolog erscheinen die wichtigsten Hauptfiguren  - verbunden durch ein rosa Hausschwein, das Brüssel noch einige Zeit beschäftigen wird.

Im Mittelpunkt stehen diese Figuren und das Jubilee-Projekt der Europäischen Kommission, das dazu dienen soll, das Ansehen der europäischen Union aufzupolieren. Fenia reißt das Projekt an sich und beauftragt Martin Susmann eine Idee auszuarbeiten. Dieser hat den genialen Einfall, Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen. Als Ort, an dem nationale Identität aufgehoben wurde und als Symbol, dass Nationalität überwunden werden muss, damit sich ein solch unfassbares Verbrechen nie wiederholen kann. Ob sich eine solche Idee durchsetzen kann?

Neben dem Jubilee-Projekt spielt auch ein Handelsabkommen mit China eine Rolle - es geht um Schweine. Am Beispiel der (Um-)wege, die Florian Susmann als Vertreter der europäischen Schweinezüchter gehen muss und der Argumente, die diesbezüglich ausgetauscht werden, wird deutlich, wie stark die nationalen Interessen innerhalb der EU immer noch im Vordergrund stehen. 

Der Roman endet mit dem Holocoust-Überlebenden David de Vriend, der von einer Bombe in der Brüsseler U-Bahn ums Leben kommt. Mit ihm stirbt die Erinnerung und konsequenterweise endet auch die Jubilee-Idee, Auschwitz zum Zentrum der Feierlichkeiten zu machen, in den Mühlen der Bürokratie und scheitert an nationalen Befindlichkeiten.
Und das Schwein? Am Ende ist es verschwunden, wie die europäische Idee?


Bewertung
Menasse verführt dadurch, dass er mit satirischen Mitteln die EU-Kommission und ihre Arbeitsweise bloß stellt, zum Lachen. Andererseits appelliert er mit der Idee Auschwitz zum Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu machen für die Überwindung des Nationalstaates, für ein vereintes Europa, in dem die nationalen Interessen hinter europäische zurücktreten, damit Auschwitz nie wieder Realität wird. Damit schärft er den Blick für die Grundidee hinter der EU und erinnert an das, was uns vereinen sollte.

Ein sehr interessanter Roman, der überaus unterhaltsam erzählt wird - und eine echter Hörgenuss dank des guten Vorlesers Christian Berkel. Neben der politischen Thematik wird auch die Lebensgeschichte der einzelnen Hauptfiguren ausgebreitet, die jeweils in sich stimmig ist und immer wieder um die Themen nationale Identität und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kreisen. Daneben enthält der Roman aber auch sehr berührende Szenen.

Prof. Erhardt beschreibt, wie er nach 40jähriger Ehe, mit seiner Frau Trudi guten Sex erlebt:

"Er schob ihr Nachthemd hoch, spürte dabei eine kurzen stechenden Schmerz in seinen Lendenwirbeln wie ein Stromschlag. Er stöhnte, sie zog das Hemd aus. Sie lächelte, erstaunt, fragend. Er betrachtete ihren Körper, studierte ihn. Las jede Falte, jedes blaue oder rote Äderchen und jedes Fettpölsterchen wie eine Landkarte auf der ein langer gemeinsamer Weg eingezeichnet war. Ein Lebensweg mit Höhen und Tiefen und er drückte sich erregt an sie, weinte, drückte, das Licht, der Röntgenblick und plötzlich in größter Erregung spürte er es. Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten. Und sie lachte, Trudi. Ihre Seelen berührten sich.“ (Kapitel 83)

Ein Roman, den es sich zu lesen oder zu hören lohnt, und nicht nur, weil er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Hier geht es zur Seite des Verlags (Suhrkamp).

Montag, 13. November 2017

Bernd Mittenzwei: Die zweite Luft

- eine Novelle.

Taschenbuchausgabe, 182 Seiten
A. Fritz Verlag, 5. Juni 2017


Das Leseexemplar wurde mir vom Verlag zur Rezension angeboten. Da ich schon einige schlechte Erfahrungen mit solchen Anfragen gemacht habe, war ich zunächst kritisch. Doch die Thematik der Novelle hat mich angesprochen und überzeugt.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Jahre 1986 in Altdorf, einer Stadt in der Nähe von Nürnberg. Zu Beginn folgen wir der 40-jährigen Lydia auf ihrem morgendlichen Lauf aus der Stadt heraus, die ihr jahrelang Heimat gewesen ist.

"Dies war ihr Nest gewesen, ihre Geborgenheit, ihr Platz im Leben. Doch das war vorbei, es bedeutete nichts mehr. Dieser ganze Mikrokosmos, der ihre Welt gewesen war, diese ökologische Nische für Kleinstädter, dieser Tümpel, in dem jede Generation aufs Neue ihren Laich ablegte, sich vermehrte, fraß und starb, dessen Gerüche sie ihr Legen lang aufgesogen hatte, sie hatte sich satt gelebt darin." (S.10)

Lydias Leben ist im Wandel, auf ihrem langen Lauf gedenkt sie ihrer besten Freundin Sulla, die sie einst aus einer heiklen Situation gerettet hat und die in Südafrika gestorben ist. An ihre Arbeitsstelle, an ihren Exfreund und als Leser*in spürt man, dass Lydia davon läuft...

Der zweite Protagonist ist Stenger, verheiratet und zum Abendessen mit den Nachbarn geladen. Eine gesellschaftliche Verpflichtung, der er sich gerne entziehen will. Eoch eine Schuld lastet auf ihm, an die ihn seine Frau erinnert. Etwas, das ihn niederdrückt und ihn zum Alkohol greifen lässt.

"Andere Männer hatten es da leicht. Sie spielten leidenschaftlich Fußball, schraubten an imposanten Motorrädern, bastelten respektable Modellflugzeuge, planten aufregende Reisen oder bauten repräsentative Gartenhäuser. All dies stand ihm nicht zur Verfügung. Dies konnte er nicht, jenes wollte er nicht, und was er gewollt und gekonnt hätte, das ließ er bleiben, damit es ihm nicht misslingen konnte. Bis in alle Ewigkeit ist Sisyphos verdammt." (S.17)

Auch das Abendessen bei den Nachbarn misslingt, da Stenger sich haltlos betrinkt - mit fatalen Folgen.

Die dritte Figur ist der Zivildienstleistende Stefan, der in einem Altenheim arbeitet und sich um Theodor Macke, eine alten Herrn mit "schleimigen Altmännerphantasien" (S.31) kümmert.
Stefan ist ein Einzelgänger, ein Junge, der in seiner Kindheit wenig Liebe erfahren hat und sich in der Gegenwart der Alten gebraucht und geborgen fühlt. Doch dann macht er eine Dummheit und glaubt, er müsse fliehen. Mit dem Fahrrad macht er sich auf den Weg.

Genau wie Stenger nach dem katastrophalen Abend mit den Nachbarn in sein Auto steigt und davon  fährt.

Bewertung
Drei Menschen, die an einer Wegkreuzung stehen und weglaufen wollen, die ihren Weg suchen und Möglichkeiten ausloten und dann überraschend zusammen treffen.
Da der Roman jeweils aus der personalen Perspektive dieser Personen erzählt wird, taucht man als Leser*in intensiv in die jeweilige Gedankenwelt ein. Dem Autor gelingt es ein stimmiges Bild der Gefühlswelt der Figuren zu zeichnen - sehr authentisch die Situation, als Stenger im Bad betrunken versucht, die Richtung wieder zu finden. Die Sprache ist teilweise etwas überladen, aber immer wieder finden sich originelle Bilder und eindringliche Aussagen, die nur manchmal zu plakativ daherkommen. Insgesamt eine sehr positive Überraschung, eine unterhaltsame Novelle, die nachdenklich macht und ganz wunderbar das positive Gefühl beim Laufen beschreibt.

Die Schlüsselszene für mich ist, als Stefan und der alte Macke einmal zufällig Lydia und Sulla beobachten. Sulla, die ihrer Freundin zeigen will, dass man immer die Wahl hat - bei jeder Entscheidung. Dieses Gespräch geht Lydia beim Laufen durch den Kopf - "etwas anderes machen, das ganz andere".

Eine positive Überraschung!



Samstag, 11. November 2017

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

- Innenansichten eines Fossils.

Leserunde auf whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, 7. März 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Inhalt

Walter Nowak liegt im Badzimmer, unbeweglich. Seine Frau Yvonne ist auf einer Tagung und kommt hoffentlich wieder.

"Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, wir waren noch nie länger als länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang. Das lässt sich alles erklären, Yvonne wird es verstehen. Ich erzähle es ihr. Wo fange ich an?" (S. 5)

Der Roman ist ausschließlich im Gedankenstrom aus Walters Perspektive verfasst, was eine besondere Dynamik erzeugt und einen tiefen Einblick in die Welt dieses 68-jährigen Mannes ermöglicht. Wie eine Diskussionsteilnehmerin in der Leserunde so treffend bemerkt hat, gleichen die Sätze einer "Stickarbeit".

Walter erzählt (allerdings im Präsens, was zu Beginn verwirrt), wie er wie jeden Morgen ins Schwimmbad gefahren ist, um seine Bahnen zu ziehen und beim Anblick einer jungen Frau mit Pferdeschwanz - eine Frisur, die schon seine Mutter getragen hat und die ihn schwach werden lässt - verfehlt er das Ende der Bahn und knallt gegen den Beckenrand.
Ein Kopfverletzung, die ihn zunehmend verwirrter werden lässt. Wann genau er im Bad liegen bleibt und sich das abspielt, was er vor den Augen der Leser*innen ausbreitet, darüber haben wir auch diskutiert. Letztlich ist die Chronologie der Ereignisse weniger wichtig als das Leben selbst, von dem Walter erzählt.
Von seiner Kindheit als Bastard und dem Wunsch Elvis (der eine Zeit lang in Walters Heimatstadt stationiert gewesen ist) sei sein Vater. Von der Ablehnung seines Großvaters, der den ungeliebten Enkelsohn los werden will.

"Mein Großvater hat mich einmal, der hat mich zweimal, hat mich verdroschen, wann es nur ging. Doch irgendwann. Hielt ich die Axt in der Hand. Danach war Schluss mit den Schlägen." (S. 48)

Er erinnert sich an die Ausgrenzung, die er in der Schule und von Mitschülern erfahren hat - bis auf einen, dessen Tod für ihn ein einschneidendes Erlebnis ist.
Walter stellt sich den Leser*innen als Mann dar, der seine Probleme verdrängt, statt sie sie aufzuarbeiten.

"Der Paartherapeut, dieser Idiot. Ich bitte Sie, ich bin ein erwachsener Mann, ich werde jetzt nicht anfangen, ich werde Ihnen jetzt nicht vorheulen, wie schlimm meine Kindheit war. Meine Mutter hat alles getan, das war eine andere Zeit. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand." (S.13)

Ein Selfmade-Man, der stolz auf das ist, was er erreicht hat.

"Wer schläft denn bis zwölf. Das ist nicht der Igel, das bin doch nicht ich. Wer bis zwölf Uhr schläft, erreicht nicht, was ich errecht habe. Der boxt sich nicht durch, macht nicht die mittlere Reife. Der findet keine Lehrstelle beim besten Meister. Wer bis zwölf schläft, kann die Lehre vergessen, der wird nicht Elektriker. Erlangt nicht die Gunst seines Chefs. Wer bis zwölf Uhr schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt." (S.52)

Der aber kein Verständnis für seinen Sohn Felix hat, der nicht in seine Fußstapfen treten will und zu dem er keine Beziehung aufbauen kann. Er selbst hat nie einen Vater kennen gelernt, begibt sich aber auch nicht auf Spurensuche - selbst als sein Sohn sich für seinen unbekannten Großvater interessiert, verweigert sich Walter. Eine gemeinsame Reise in die USA wird zur Katastrophe.

Seine erste Ehe scheitert, seine zweite Frau - Yvonne - ist 20 Jahre jünger, ein Umstand, auf den Walter stolz ist. Das positive Bild, das er zunächst von Yvonne zeichnet, erhält jedoch Kratzer.
Die Zeit, in der Yvonne abwesend ist, gerät zum Desaster. Walter richtet ein heilloses Chaos im Haus an und es entsteht zunehmend der Eindruck, als habe er Erinnerungslücken. Immer wieder wandern seine Gedanken zur seiner Untersuchung - offensichtlich steht er vor einer Prostataoperation - ein Angriff auf seine Männlichkeit. Und es bleibt die Frage, warum er im Bad am Boden liegt, die sich erst ganz am Ende beantwortet.


Bewertung
Der Roman zeichnet das Psychogramm eines älteren Mannes, der sein Leben lang seine Problem verdrängt hat und die jetzt, da er unbeweglich zum Nachdenken gezwungen ist, auf ihn einströmen. Der fehlende Vater, die Ausgrenzung, die Nähe zur Mutter, die Untreue seiner ersten Frau gegenüber, die er völlig verdrängt hat. Empathie ist wahrlich nicht seine Stärke.
Sein Denken wird von Vorurteilen geprägt, von festen Glaubenssätzen, was sein darf und was nicht - Fitness, gut auszusehen im Alter, gehört für ihn unbedingt dazu. Er muss sich immerzu beweisen.
Seine Geilheit ist auch ein Tatsache, die er verdrängt, sie hat ihn in die unglückselige Situation im Bad gebracht, aber er kann natürlich alles erklären.
In seiner Erinnerung taucht immer wieder sein Sohn auf, die Enttäuschung, dass er einen Beruf erlernt hat, der eines Mannes nicht würdig ist. Walter ist wirklich ein Mann vom alten Schlag. Mehrfach waren wir uns in der Diskussionsrunde einig, er sei ein Fossil, einer Generation angehörig, die am Aussterben ist.
Der Gedankenfluss wirkt dabei völlig authentisch, die Figur ist stimmig und glaubwürdig.

Eine sehr interessante Komposition, in der - wie in einem Puzzle - das Lebens dieses gescheiterten und bemitleidenswerten - auch darüber gab es unterschiedliche Ansichten - Mannes Schritt für Schritt zusammengesetzt wird, so dass am Ende eine Gesamtbild vor den Leser*innen ausgebreitet ist.
Was aus Walter wird? Das bleibt offen, zu befürchten ist, dass Yvonne ihren eigenen Weg gehen wird.

Ein Roman, der mit seiner außergewöhnlichen Sprache und der Stimmigkeit der Figur auch den Deutschen Buchpreis verdient hätte.