Montag, 16. Oktober 2017

Isabella Archan: Helene geht baden

- ein rabenschwarzer Krimi.

Taschenbuch, 300 Seiten
Conte Verlag, 1.September 2014

Krimi und Komik - geht das? Isabella Archan verbindet geschickt einen spannenden Kriminalfall, in der ein schreckliches und grausames Verbrechen begangen wird, mit komischen Elementen und außergewöhnlichen Erzählperspektiven, die die Tat erträglich machen. Eine Kostprobe - der Beginn:

"Sie sitzt auf einem Ast und versucht, mit Hilfe ihrer Gedanken den dünnen Zweig zu bewegen. Tatsächlich wippen die Blätter leicht auf und ab. Das könnte natürlich auch am Wind liegen. Moni ist zwar tot, aber nicht blöd." (S.11)

Worum geht es?
Moni ist ermordert worden und ihre Seele beobachtet, wie ein Jogger ihre übel zugerichtete Leiche findet. Auf ihrem Bauch finden sich Schnitte, die wie ein Jägerzaun aussehen. Gestorben ist sie am Blutverlust, gequält wurde sie nicht am Ufer des kleinen Sees im Park, an dem sie gefunden wird, sondern in ihrer Wohnung.

Die Ermittlungen übernehmen Peter Kraus, Spitzname: alter Rocker, und die junge Kommissarin Willa Stark - gebürtig aus Graz, das Fräulein Ösi. Dort löste sie einen spektakulären Fall, der auch europaweit Interesse erzeugt hat. Die Publicity nahm man der jungen Kriminalinspektorin übel und sie wird zur Außenseiterin. Deshalb hat sie das Angebot Interpols angenommen an einem länderübergreifenden Entführungsfall mitzuhelfen. Und ist in Köln gestrandet und geblieben, wo sie beginnt, sich heimisch zu fühlen. In dem Gerichtsmediziner Harro deNärtens hat sie einen guten Freund gefunden. Trotz zahlreicher Spuren kann der Fall Moni nicht gelöst werden...

Die zweite Protagonistin ist die junge Helene, die Baden über alles liebt und sich dieser Wonne fast täglich hingibt, beobachtet vom Rentner Fritz, der sein einsames Dasein mit Spannen fristet.
An einem Abend beobachtet er Schreckliches gegenüber und verhindert einen weiteren Todesfall. Das, was er sieht, verändert Helenes und sein Leben nachhaltig und beschert Willa neue Ermittlungen, da der Fall dem Monis gleicht. Wird es der jungen Grazerin, deren Onkel Willi vor Jahren einen Mord im Affekt begangen hat, gelingen den mysteriösen Messermann zu finden?

Bewertung
Die außergewöhnliche Erzählperspektive zu Beginn des Kriminalromans hat mich neugierig gemacht und das grausame Verbrechen aus der Sicht der unbeteiligten "Seele", die ganz neutral und schmerzfrei ihren Körper betrachtet, ist so distanziert dargestellt, dass auch zart Besaitete es gut ertragen können. Die Außenperspektive tritt mehrfach im Roman auf - mit dem gleichen Effekt.
Die ehrgeizige Ermittlerin Willa Stark, eine fast klassische Einzelgängerin, ist sehr sympathisch und erfrischend. Das Team bleibt blasser, außer der Gerichtsmediziner, aber im Mittelpunkt soll neben dem Opfer die Grazerin stehen.
Die Handlungsweise Helenes nach dem Überfall ist schwer nachzuvollziehen, als langjährige Krimileserin und Tatort-Liebhaberin aber nicht unwahrscheinlich. Psychologisch lässt sich das "unvernünftige" Handeln sicherlich erklären.
Die Motive des Täters werden nur angedeutet, doch auch er bleibt als Figur glaubhaft. Das Ende ist spannend und gut konzipiert - dramaturgisch gut umgesetzt.

Eine klare Lese-Empfehlung!

Sonntag, 15. Oktober 2017

Frankfurter Buchmesse 2017

- Besuch am Freitag.

Wie im letzten Jahr traf ich mich mit Mira auf der Buchmesse. Da wir beide als Bloggerinnen eine Akquirierung erhalten hatten, wählten wir den Freitag aus, in der Hoffnung, dass es etwas ruhiger zugehen würde - was sich zumindest teilweise bestätigt hat. Auch meine Kinder sowie eine Freundin meiner Ältesten waren mit von der Partie.

Unser erster Höhepunkt war das Interview mit Klaus Cäsar Zehrer zu seinem Debütroman "Das Genie" aus dem Diogenes Verlag.
Seinen ersten Roman habe er mit 16 Jahren verfasst, verrät er. Dieser sei jedoch nur zwei Seiten lang gewesen, so dass er ihn verworfen habe. "Das Genie" ist seiner Aussage nach eine Romanbiografie und basiert auf der realen Figur William James Sidis.

Klaus Cäsar Zehrer liest aus "Das Genie"
Die Idee kam ihm, als er beim Surfen im Internet auf eine Liste der 10 intelligentesten Menschen gestoßen ist, auf dem ihm der Name Sidis ins Auge fiel. Er wollte mehr über diese Person herausfinden, der Anfangsfaden für den Roman war gesponnen.
Vor 9 Jahren hat er mit der Arbeit begonnen, die  mit immenser Rechercheleistung verbunden war. Schließlich spielt der Roman zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Zehrer gibt die wissenschaftlichen mathematischen Erkenntnisse der Zeit wieder, die heute teilweise überholt sind, so dass er in alten Lexika wälzen musste.
Sidis ist das Ergebnis eines Erziehungsexperimentes. Sein Vater, ein ukrainischen Einwanderer und Psychologe will beweisen, dass man Kinder zu intelligenten Wesen heranziehen kann. So bringt er Sidis ganz früh das Lesen bei und mit 11 Jahren besucht er bereits eine Universität. Wie bewertet man ein solches Erziehungsexperiment? Diese Frage sollen die Leser*innen selbst beantworten, Zehrer lässt sie offen.

Ann-Katrin Heger
In der kurzen Lesung vermittelt Zehrer einen ersten Eindruck des Romans, der durchaus auch humoristisch ist. Uns hat er jedenfalls überzeugt und Mira und ich haben spontan beschlossen, den Roman im Oktober gemeinsam zu lesen.

Im Anschluss blieben wir im Agora Lesezelt sitzen und hörten uns den Anfang des neuen Kriminalfalls der Drei !!! an - eine Lesung für die Kinder, die aber auch uns gefallen hat.
Ann-Katrin Heger, die Autorin von "Tanz der Herzen", vermochte es mit ihrer Stimme die Lesung spannend und interessant zu gestalten. Besonders gelungen war der Einstieg, in dem zur Musik von Schwanensee die letzte Szene der Ballettaufführung geschildert wird - sehr dramatisch.



Daniel Kehlmann mit Klaus Brinkbäumer
Danach schlenderten wir durch die Hallen, während die Kinder sich vor allem der Hobbit-Presse des Klett-Cotta-Verlages widmeten, pilgerten Mira und ich ins Spiegel-Forum, wo Daniel Kehlmann im Interview mit Klaus Brinkbäumer seinen neuen Roman "Tyll" vorstellte.

Die Sagengestalt des Till Eulenspiegel versetzt Kehlmann in den 30jährigen Krieg - ob die Person
wirklich gelebt hat? Es gibt eine Quelle aus dem 14.Jahrhundert, die dazu passt, trotzdem kann man die Frage letztlich nicht beantworten.

Zu Beginn des Romans übernimmt Kehlmann die Schelmengeschichte, in der Tyll auf einem Seil tanzt und alle Zuschauer auffordert, ihm den rechten Schuh zuzuwerfen. Damit richtet er ein heilloses Chaos an und bereitet das gewaltsame Chaos, das der Religionskrieg mit sich bringt, sozusagen vor.

Cartoon auf der Buchmesse
Die Gauklerfigur, die die Atmosphäre erträglich macht, ohne selbst eine lustige Figur zu sein.
Eine andere Funktion Tylls ist es, die verschiedenen Handlungsstränge zu verbinden. In der immobilen Gesellschaft des 17.Jahrhunderts vermag das fahrende Volk verschiedene Orte aufzusuchen und auch in Kontakt mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu treten.
Auch Kehlmann hat für seinen Roman umfangreich recherchiert. Geholfen hat ihm das einjährige Stipendium an der Public Library in New York. Dort erhielt er Zugriff auf alle Bücher und innerhalb eines Tages landeten sie auf seinem Schreibtisch. Die Erwartung vor Ort zu sein, half ihm die nötige Disziplin aufzubringen, um den Roman in recht kurzer Zeit fertigzustellen. Tauchte man drei Tage hintereinander nicht auf, wurde man freundlich kontaktiert, erzählte Kehlmann, der an New Yorker University zurzeit einen Lehrauftrag für deutsche Literatur hat. Gefragt nach Trump, erwiderte Kehlmann, dieser mache ihn wütend, gleichzeitig wecke er große Ängste.
Nach seiner Heimat befragt, nennt Kehlmann Wien, als den Ort, an dem er aufgewachsen sei. Im Moment sei es New York, da sein Sohn dort zur Schule ginge. Ein sehr interessantes Interview, das mich sehr neugierig auf den Roman gemacht hat.

Peter Wohlleben
Anschließend schauten wir uns das Gastland Frankreich an, um dann im ARD Forum, Peter Wohlleben zuzuhören, der sich mit dem Netzwerk der Natur beschäftigt hat. Er forderte dazu auf, Kinder im Wald nicht zu ermahnen, leise zu sein. Denn durch die lauten Rufe fühlte sich das Wild sicher und wisse, es könne ihm nichts passieren. Gefragt danach, welches Tier er gerne sei, gab er zur Antwort, ein Wolf. Allein das Dasein des Wolfes führe zu einer Stärkung des Waldes. Sei ein Wolf am Fluss, halten sich dort keine Hirsche mehr auf, die die jungen Bäume fressen. Das Flussufer werde befestigt, das Wasser könne mäandern und der Biber wieder ansässig werden. Mit einer Krähe würde er gerne mal einen Kaffee trinken, da sie sehr intelligente Tiere seien. Ein sympathischer Förster, der Unglaubliches aus der Natur berichtet.

Markus Heitz

Weiter ging es mit den Kindern zu Markus Heitz, der den zweiten Teil seines Fantasy-Romans Wédora vorstellte. Die Idee zu dieser fiktiven Welt stammt aus den in den 90er Jahren beliebten Rollenspielen, die er im Studium gespielt hat. Die Wédora-Welt habe er sich damals gemeinsam mit seinen Mitspielern ausgedacht und jetzt aus der Schublade gezogen. Markus Heitz plaudert mit dem Interviewer über die Protagonisten des Romans, ohne zu viel zu verraten, so dass wir alle neugierig geworden sind.

Als Fantasyliebhaber werden wir uns sicherlich in nächster Zukunft  der Wédora-Welt widmen.





Am Schluss wartete das Interview mit dem Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises: Robert Menasse, der auf die vielen auf ihn gerichteten Smartphones derart reagierte, dass er ein Foto von der Menschenmenge schoss, die gekommen war, um ihn zu sehen und zu hören.
Er erläuterte, dass er in seinem Roman das Abstraktum EU an einigen Figuren, u.a. an einem EU-Beamten veranschaulichen wollte. Dazu hat er selbst 5 Jahre in Brüssel gelebt und hinter die Kulissen der Europäischen Union geblickt. Anschaulich erzählte der gebürtige Wiener von den sogenannten Märtyrerpapieren, Entwürfe und Vorschläge für die EU-Kommission, die (fast) immer "zerrissen" werden. Am Beispiel der gescheiterten Jubiläumsfeier, die in Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Union stattfinden sollte, verdeutlicht er, dass immer noch nationale Interessen die EU bestimmen. Auschwitz als Ort, der den Nationalismus als Aggressor in grausamster Art und Weise vor Augen führt, und gleichzeitig ein Ort, an dem die Nationalität keine Rolle mehr gespielt hat.
Menasse verteidigte vehement die europäische Idee und die Notwendigkeit eines vereinigten Europas, in dem sich nationale Interessen unterordnen - ein mitreißendes politisches Statement, das spontan Beifall erhielt.

Bevor wir uns auf den Heimweg machten, trafen wir noch kurz Helmut Pöll, Autor und Initiator des Forums whatchareadin, meine Leseheimat, und Renie von Renie´s Lesetagebuch, die ebenfalls als Moderatorin im Forum mitwirkt.

Fazit: Ein freudiges Wiedersehen mit Mira und ein interessanter, spannender Besuch, der mich neugierig auf viele weitere Bücher gemacht hat, die ich noch lesen will. Auch den Mädels hat es gefallen und die Wunschliste für Weihnachten wird wohl noch um ein paar Bücher wachsen.  Nächstes Jahr kommen wir wieder!

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

- berührende Geschichte einer Frau, die an Alzheimer erkrankt.

Taschenbuch, 416 Seiten
Piper, 5. Januar 2016

Das Cover hat mich zunächst abgeschreckt, den Roman zu lesen, auch die Marienkäfer auf den einzelnen Seiten hätten mich fast das Buch wieder zuklappen lassen ;)
Doch eine gute Freundin, auf deren Meinung Verlass ist, hat mir den Roman empfohlen. Also habe ich meine Vorurteile überwunden und zu lesen begonnen.

Worum geht es?
Claire Armstrong ist Mitte 40 als sie die Diagnose Alzheimer erhält, an der schon ihr Vater verstorben ist.
Sie hat eine 20jährige Tochter Caitlin, die ihren Vater nicht kennt - eine Jugendliebe Claires - und eine dreijährige Tochter Esther gemeinsam mit Greg, ihrem Ehemann.
Kennen gelernt haben die beiden sich, während Greg ihren Dachboden ausgebaut hat, da Claire ein Schreibzimmer haben wollte.

Claire, die ihr Studium wegen der Schwangerschaft geschmissen hat, ist Lehrerin für englische Literatur an einer Schule und muss diesen Job aufgrund ihrer Krankheit aufgeben. Ihre Therapeutin rät ihr, ein Erinnerungsbuch anzulegen, in der sie ihre wichtigsten Ereignisse festhält und in das auch ihre Familienmitglieder hineinschreiben sollen.
Inzwischen ist Claires Mutter Ruth, die bereits ihren Mann an die Krankheit verloren hat, im Hause Armstrong eingezogen und passt auf Claire auf, die immer häufiger in der Vergangenheit lebt und nicht mehr weiß, wie man ein Telefon bedient, oder den Weg nach Hause nicht mehr findet.
Viel trauriger ist es jedoch, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, Greg zu lieben - wie ein Fremder wirkt er in ihrer Nähe. Nur zu dem geheimnisvollen Ryan, den sie zufällig trifft, fühlt sie sich hingezogen.
Wir erleben mit, wie Claire sich verliert, aber auch, wie sie sich bemüht, ihr Leben in Ordnung zu bringen und sich entschließt Caitlin, die selbst vor großen Problemen steht, die Wahrheit über ihren Vater zu sagen.
Die parallelen Geschichten des Erinnerungsbuches gewähren Einblick in Claires Lebensgeschichte und zeichnen das Bild einer starken und selbstbestimmten Frau.


Bewertung
Der Originaltitel "The Memory Book" ist wesentlich passender als der deutsche Titel, denn in den Erinnerungen setzt sich Claires Leben wie ein Puzzle für die Leser*innen zusammen. Interessant sind die Geschichten, die die einzelnen Familienmitglieder in das Buch hineinschreiben und die ein sehr positives Bild der noch jungen Frau zeichnen, die Schritt für Schritt ihre Erinnerungen und damit auch sich selbst verliert.
Sehr detailliert schildert Claire aus der Ich-Perspektive, was in ihrem Kopf vorgeht. Situationen, in denen sie Aussetzer hat, bleiben Leerstellen und so kann man sich intensiv in ihre Verzweiflung hineinversetzten. Auch die Fremdheit, die sie inzwischen für ihren Ehemann empfindet, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar und für ihn grausam.
Trotz der ernsten Thematik ist der Roman nicht kitschig (das Cover bestätigt sich nicht) - vielleicht etwas sentimental und rührselig. Natürlich sind die Protagonisten gute, liebenswerte Menschen und sie handeln stets mit hehren Motiven.
Schiebt man das beiseite, berührt das Schicksal der jungen Frau, die weiß, dass sich ihre kleine Tochter nie an sie, so wie sie war, erinnern kann. Alzheimer ist eine Krankheit, die man normalerweise nur mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Der Roman führt vor Augen, dass es auch relativ junge Menschen treffen kann und dass ein geringer Anteil der Erkrankungen auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist.

"Weniger als 2% aller Fälle von Alzheimer-Krankheit werden dominant vererbt. Dies bedeutet, dass die Veränderung (Mutation) eines einzigen Gens für die Entstehung der Krankheit ausreicht und dass statistisch gesehen die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkranken."  (Quelle: Deutsche Alzheimergesellschaft)

Ein Roman, der trotz stilistischer Schwächen und einseitiger Figurenzeichnung aufzeigt, wie Vergessen erlebt werden kann und dadurch berührt.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis

- ein faszinierendes Labyrinth in der Tiefe, das ein ungeheures Geheimnis birgt.
Quelle: Diogenes Verlag


Taschenbuch, 400 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an Diogenes für das Leseexemplar,
hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Vor zwei Jahren habe ich "Die Seltsamen" und "Die Wedernoch" von Stefan Bachmann gelesen. Diese Steampunk Fantasy- Romane, die am viktorianischen England orientiert sind, haben mich begeistert, so dass ich mich schon auf den neuen Roman gefreut habe.

Worum geht es?
Im Chateau du Bessancourt im Oktober 1789 fliehen die vier Mädchen des Marquis Frédéric du Bessancourt in den unterirdischen Palast, den er erschaffen hat, um den Schrecken der französischen Revolution zu entkommen. Aus der Sicht der ältesten Tochter Aurélie erfahren wir, dass die Mutter kurz vor dem Eingang in die Tiefe umkehrt und von den Aufständischen auf der Treppe erschossen wird und zurück gelassen werden muss.

"Die Wachen drängen uns voran - hinab und immer weiter hinab in die Schwärze, zu Glück, Sicherheit und ewigem Frieden, wo Vater wartet." (S.11)

Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zu einem in der Gegenwart, in dem die 17-jährige Anouk Geneviève van Roijer-Peerenboom, die gerade ihre Familie verlässt, in der sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, im Mittelpunkt steht und aus deren Perspektive erzählt wird.

"Das Haus wirkt riesig und leer. Marmorblass. Ich bin ein vorsätzlicher Schmutzfleck inmitten all dieser Makellosigkeit, eine Radiergummispur auf den geraden Linien. Penny hat eine Ballettaufführung. Alle sind dort." (S.13)

Sie folgt der Einladung der Familie Sapani, die sie zusammen mit vier weiteren Jugendlichen für eine Expedition in Frankreich ausgewählt hat. Sie sollen den unterirdischen Palast der Familie Bessancourt erforschen, der zufällig unter einem Schloss gefunden wurde. Am Flughafen trifft sie auf die anderen, Will, Lilly, Jules und Hayden, die sie auf Anhieb unsympathisch findet.
Anouk spricht fünf Sprachen fließend und ist anerkannte Jungakademikerin, im sozialen Umgang jedoch zynisch, unfreundlich und auf Abwehr bedacht - das scheint von ihrer schwierigen familiären Situation herzurühren, davon, dass ihre Eltern sie offensichtlich nicht lieben. Sie selbst mag nur ihre kleine Schwester Penny, von der sie Ucki genannt wird. Ein Name, mit dem Anouks sich in Reflexionen selbst anspricht.

"Vier Gelegenheiten, Freundschaft zu schließen, vermasselt. Das war´s. Bravo, Ucki, hast es mal wieder geschafft.
Es gibt Menschen, die besitzen die besondere Fähigkeit, überall unglücklich zu sein, egal wo, egal mit wem und egal warum. Vielleicht ist diese Fähigkeit aber auch nur typisch für mich." (S.50)

Im Jahr 1789 erzählt Aurélie, wie ihre Mutter im August zum ersten Mal den von ihrem Vater erbauten Palast in der Tiefe besucht und verängstigt daraus zurückkehrt. Was verbirgt sich dort unten?

Die Expedition der Gegenwart wird von einem gewissen Professor Dorf geleitet, der sie bei einem Abendessen im Schloss begrüßt. Eine Frage, die sich Anouk und auch die anderen stellen, ist die, warum gerade sie - junge Studenten und Studentinnen für diese Expedition ausgewählt wurden. Warum untersucht nicht ein wissenschaftliches Forscherteam den unterirdischen Palast, der teilweise von Wasser überflutet sein soll? Das ergibt keinen Sinn.
Die Frage stellt Anouk auch Professor Dorf, der sie jedoch nur ausweichend beantwortet und ihnen stattdessen in Aussicht stellt, im unterirdischen Palais eine umfangreiche Sammlung historischer Kunstwerke, architektonischer Wunder und Zeugnisse aus dem Zeitalter der frz. Revolution zu entdecken. Am Ende des Abendessen sollen alle eine Kapsel schlucken, angeblich gegen Mikroben und Toxine, doch Anouk bezweifelt dies und im Hinauslaufen versucht sie die Kapsel wieder auszuspuken und wird ohnmächtig.

Während im Jahr 1789 Aurélie mit ihren Schwestern im Palais ankommt und Graf Havriel, der Bruder Frédérics die Wachen zwingt, ihre tote Mutter ebenfalls nach unten zu bringen, wacht Anouk in der Gegenwart in einem Spiegelsaal auf und wird Zeuge, wie Miss Sei, Dorfs Assistentin, Hayden einen
"Tankstutzen (...). Länglich. Mit Widerhaken. Eine Silbernadel ragt am Ende hervor wie ein Stachel" (S.101)
in die Schädelbasis hineintreibt. Panisch fliehen die anderen vier und werden von behelmten Trackern verfolgt.

"Dies hier ist das Palais du Papillon. Es gibt das Palais wirklich. Es ist hier, und es hat eine sehr moderne Tresortür und neonerleuchtete Korridore. Sie haben uns angelogen, von Anfang an." (S.106)

Das Abenteuer im finsteren Palast beginnt, in dem sie viele Fallen bewältigen müssen; Perdu, der angeblich über 200 Jahre alt ist und französisch spricht, und eine geheimnisvolle Dame im roten Kleid treffen und immer wieder ein unheimliches Sirren hören. Neben Dorf, der sie suchen lässt, scheint es noch etwas anderes im Labyrinth zu geben und immer wieder stellen sich die Jugendlichen die Frage, warum sie an diesen Ort gelangt sind und ob sie ihn jemals wieder verlassen werden.

Eine Frage, die sich im Jahr 1789 auch Aurélie stellt, die von ihren Geschwistern isoliert wurde und nur Hilfe von Jacques, dem ihr zugeteilten Diener erwarten kann, der ihr Schauerliches aus dem Palast berichtet. Blutige Experimente, Menschen, die verschwinden, wer und was ist da am Werk?
Und wer ist der geheimnisvolle Schmetterlingsmann?

Bewertung
Ein echter Pageturner! Die Kapitel in den verschiedenen Zeitebenen, die inhaltlich aufeinander abgestimmt sind, enden fast immer mit einem Cliffhanger, so dass man atemlos weiter liest. Die Irrwege der Jugendlichen durch den Palast erzeugen neben klaustrophobischen Momenten immense Spannung. Die Frage, zu welchem Zweck diese Außenseiter, die sich allmählich anfreunden, in den Palast der Finsternis gelockt wurden und warum sie von Dorf so verzweifelt gesucht werden, schwebt immer im Raum und sorgt für zusätzliche Dynamik.

Lange bleibt in der Schwebe, ob es "nur" ein Abenteuer- oder doch ein Fantasyroman ist - bis sich herausstellt, dass wir es mit Science Fiction in der wörtlichen Bedeutung zu tun haben. Eine wissenschaftliche Fiktion - ein Experiment, das 1789 geglückt ist und bis in die Gegenwart andauert - so viel sei verraten.
Obwohl die dahinter stehende Ideen nicht neu sind, arrangiert sie Bachmann so, dass alle Puzzleteile perfekt zusammenfallen und alle Fragen beantwortet werden - auch die nach Anouks unglücklichen Familienverhältnissen.
Am Ende hätte es für meinen Geschmack etwas weniger actionreich zugehen können, bis zur "Lösung" vollbringt eine der Jugendlichen fast Unmögliches - nun gut, das kann man verkraften. Die Botschaft am Ende fällt klar und deutlich aus - vielleicht etwas zu plakativ.

Sehr unterhaltsam ist auf jeden Fall Anouks Perspektive. Ihre zynisches Art und ihre selbstkritischen und sarkastischen eingestreuten Kommentare und Gedanken sind teilweise witzig und legen Zeugnis ab von einem Kind, das nicht gesehen worden ist. Sehr authentisch wirken die Dialoge zwischen den Jugendlichen, die sich in diesem finsteren Palast, dessen Architektur und Ausgestaltung Bachmann virtuos komponiert hat, weiterentwickeln - psychisch und in ihren Beziehungen zueinander.

Klare Leseempfehlung!

Donnerstag, 5. Oktober 2017

John Williams: Nichts als die Nacht

- Novelle mit offenem Ende.

Leserunde auf whatchareadin

Hardcover, 160 Seiten
dtv, 8.September 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Der Erstlingsroman von John William, Autor von "Stoner", ist entstanden, nachdem der jungen Air Force Pilot Willams zu Beginn des 2.Weltkriegs auf einem Erkundungsflug in Burma abgeschossen wurde und sich in einem Lager von den traumatischen Erlebnissen erholt hat.
Im Nachwort heißt es, es sei "das Werk eines Zweiundzwanzigjährigen, den die unmittelbare Begegnung mit dem Tod verstört zurückließ und zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal zwang." (S.152).

Diese Verstörung stellt sich auch beim Lesen ein, ganz besonders nach dem offenen Ende, das viele Fragen unbeantwortet lässt.

Worum geht es?
Wir erleben gemeinsam einen Tag und eine Nacht mit Arthur Maxley in San Francisco, der mit einem surrealen Traum des Protagonisten beginnt. Er sieht auf einer Party einen Fremden.

"Ihn schien eine innere Ruhelosigkeit zu plagen, die ihm keinen lockeren Umgang mit sich oder den anderen gestattete. Angespannt beugte er sich im Sessel vor, als sei er kurz davon, aufzuspringen und in heller Panik zu fliehen." (S.11)

Dieser Fremde wird von allen bedrängt, immer näher rücken die Menschen bedrohlich an ihn heran und der Träumende erkennt,

"das hier war seine wahre Identität, das war er selbst" (S.14)

- ein Fremder in der Menge, außerhalb der Gesellschaft.

Nach dem Aufwachen beschließt er sein Versprechen einzuhalten und in den Park zu gehen, seinen Tag auszufüllen, um den Selbstreflexionen zu entgehen? Es gelingt ihm nicht dorthin zu kommen, statt dessen frühstückt er und kehrt in seine Wohnung zurück, in der eine Überraschung auf ihn wartet:
Ein Brief seines Vaters, den er schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Das letzte Telefongespräch verursachte einen psychischen Zusammenbruch Arthurs. Was ist geschehen?

Spontan verabredet er sich mit seinem Vater für den Abend.
Wir erfahren, dass Arthur voller Zärtlichkeit an seine Mutter zurückdenkt, aber auch, dass sie tot ist und dass es mit dem Tod etwas Seltsames auf sich hat.
Sie scheint eine labile Frau gewesen zu sein, minutiös beschreibt Arthur das Ritual des Gute-Nacht-Sagens.

"Er hatte gelernt, dass er in diesem heikelsten aller Augenblicke abwarten musste, in welcher Stimmung sie war. Manchmal legte sie die Arme um ihn, streckte sich neben ihm aus, zerzauste sein Haar und flüsterte ihm zu. Bei anderen Gelegenheiten wirkte sie abgelenkt, abwesend, nicht ganz bei ihm." (S.46)

 "Das ist die beste Zeit im Leben, dachte er erneut: Wenn man noch sehr jung ist, wenn das Leben einfach scheint, eine vollkommene Abfolge goldener Augenblicke." (S.47)

Bevor er seinen Vater sieht, trifft er beim Mittagessen ein Freund. Die einzige Szene im Roman, die "normal" wirkt. Doch die Bitte des Freundes ihm Geld zu leihen, schlägt er ab. Als dieser ihm vorschlägt, doch seinen Vater zu fragen, ist Arthur voller Angst.

Auch das Gespräch mit dem Vater offenbart nicht das Familiengeheimnis, doch die aufkeimende Wärme zwischen beiden wird jäh gestört, als eine Geliebte des Vaters auftaucht. Der Vater ist wie der Sohn auf der Flucht vor jenen schrecklichen Ereignissen, die zwischen den beiden ungesagt bleiben.

"Hast, dachte er, ständige Hast, immerwährende Flucht, Tage ohne Ende und kein Entkommen." (S.69)

Während der Vater sich jedoch in seiner Arbeit vergräbt, ist Arthur in seinen Selbstreflexionen gefangen.

"Wer könnte das schon, die Seele säubern?" (S.151)

Im Anschluss besucht Arthur einen Nachtclub und flirtet mit einer jungen Frau. Beim Auftritt einer Tänzerin, die in völliger Ekstase sich ihren Bewegungen hingibt, wird Arthur von seinen Erinnerungen an jenen Abend überflutet, der die die Familie Maxley zerstört hat.

Eine Erinnerung, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet und die zu einem Verhalten gegenüber der jungen Frau führt, dass sehr verstörend ist. Aus einer Angst wird Hass, der sich entlädt - plötzlich und unerwartet. Abrupt endet der Roman und lässt die Leser*innen allein.

Bewertung
Ein sehr intensiver Roman, den man nicht mal eben so zwischendurch lesen kann und der volle Aufmerksamkeit erfordert. Die Sprache ist so metaphernreich, dass es schon fast zu viel des Guten ist. Interessanterweise hat der Autor die Novelle in späteren Jahren verleugnet, weil sie ihm - wie es im Nachwort heißt - zu unfertig schien.

Sie wirkt tatsächlich nicht "fertig", am Ende stolpert der Protagonist allein in die Nacht. Ohne eine Versöhnung mit den Vater, ohne Zukunft, innerlich angetrieben.

Viele offene Fragen, was bleibt ist eine "Metaphernvielfalt", dynamische Passagen, wie der ekstatische Tanz, neben anstrengend zu lesenden Selbstreflexionen und das Aufdecken eines traumatischen Erlebnisses, mit der Protagonist offenkundig nicht leben kann.




Samstag, 30. September 2017

Anna Porter: Mord auf der Buchmesse

- Doppelmord auf der Frankfurter Buchmesse.

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 447 Seiten
Econ&List, 1999

So kurz vor der Frankfurter Buchmesse hat Mira den Vorschlag gemacht, diesen Krimi zu lesen - auch wenn er im englischen Original schon vor gut 20 Jahren erschienen ist.



Worum geht es?
Margaret Drury Carter, Bestsellerautorin romantischer Historienromane, hat einen neuen Literaturagenten -Andrew Myles, der ihr prompt einen großen Deal beschert hat.
An den kanadischen Verleger A&M, für den die Lektorin Marsha Hillier arbeitet, hat er die Rechte für drei Romantik-Thriller verkauft - für 20 Millionen Dollar. Darin enthalten ein "fetter" Vorschuss, natürlich auch für ihn.

Marsha, die Protagonistin des Romans, befindet sich zu Beginn der Handlung auf der Bertelsmann- Party auf der Frankfurter Buchmesse und will ein Gespräch mit Andrew über das versprochene Manuskript des ersten der drei Romane von Drury Carter führen.

"Als sie sich auf die weiche, schwarzlederne Lehne seines Sessels setzte, sackte Andrew Myles leicht nach vorne. (>Was genau meinen Sie mit sacken?<, sollte die Polizei später fragen.)" (S.17)

">Andrew<, sagte Marsha leichthin, >ich frage mich, ob Sie nicht vielleicht etwas für mich haben.< Andrew Myles antwortete nicht. Er war bereits tot." (S.18)

Es stellt sich heraus, dass er mit flüssigem Nikotin vergiftet wurde, auf einer Party mit über 500 Gästen. Keine leichte Aufgabe für den deutschen Kommissar Hübsch, der auch die Lektorin Marsha verdächtigt, die sich in der Nacht nach dem Mord mit ihrer jährlichen Buchhandels-Affäre, dem norwegischen Verleger Bertil, tröstet.

Die Welt der Verleger und Literaturagenten gerät ins Wanken, als es den zweiten Toten gibt:
Jerry Haines, Hauptgeschäftsführer des Fennell-Konzerns, der angeblich ebenfalls die Rechte an den Drury Carter Romanen erworben haben will. Ein Umstand, der bei Marsha für Verwirrung sorgt.
Hat Andrew sie betrogen? Im Rückblick erscheint er als windiger Geschäftsmann, der vor seiner Tätigkeit als Literaturagent an der Börse Geld gemacht hat.

"Sich an die Regeln zu halten, hatte seiner Ansicht nach nur den einen Sinn und Zweck, den anderen das angenehme Gefühl zu geben, daß man ihre Gewohnheiten akzeptierte. Andrew hatte nicht die Absicht, angenehme Gefühle hervorzurufen." (S.38)

Als Marsha wieder in New York ist, stellt sich heraus, dass der Vorschuss, den Andrew erhalten hat, nie bei der Bestsellerautorin angekommen ist. Diese möchte sich jedoch ein Haus auf der kanadischen Insel Grand Manan kaufen und verlangt den zweiten Teil des Vorschusses, obwohl das Manuskript, das Marsha bereits gelesen hat, nicht den Erwartungen entspricht.
So beschließt Marsha zur Insel zu fahren, um selbst mit Margaret zu sprechen - gegen deren Willen und vor allem gegen den Willen ihrer Nichte Elinor, die sich um alle Belange ihrer Tante kümmert.
Auch Marshas beste Freundin Judith, die eine Reportage für Home&Garden über die Autorin und deren Cottage schreiben will, reist gemeinsam mit ihrem halbwüchsigen Sohn Jimmy auf die neblige und malerische Insel.
Es gelingt ihr jedoch nicht, die Bestsellerautorin zu interviewen, die sich zu verschanzen scheint.
Das Ende wartet mit einem packenden Finale und einer interessanten Wendung auf.

Bewertung
Der erste Teil vermittelt einen guten Eindruck in die Literaturszene, in der es letztlich auch ums harte Geschäft geht und darum, dass die Verkaufszahlen stimmen. Besonders die beiden Kanadier Thurgood und Morris, die Inhaber des A&M Verlages, die selbst kein Interesse am Lesen haben, sondern nur am Profit, repräsentieren das Verlags-"Buisness", in dem Andrew Myles mit seiner Geldgier nur ein kleines Rädchen ist. Dazu passt auch die ominöse Saddam Hussein-Biografie, an der er mit verdienen will. Politische oder moralische Verantwortung scheint ihn - im Gegensatz zur Protagonistin - nicht zu kümmern.
Am Ende stellt sich heraus, dass Andrew mit Manuskripten und dem Geld aus den Vorschüssen skrupellos umgegangen ist und genau wie an der Börse spekuliert hat. Insofern desillusioniert der Roman eine Welt, von der wir gerne nur die fertigen Produkte - die literarischen Werke - betrachten, ohne zu hinterfragen, welches Millionen Geschäft zumindest hinter den Bestsellern steckt.
Der zweite Teil ist dann eher ein klassischer Krimi mit Spannungsbogen, falschen Fährten und einem "Showdown" mit entsprechender überraschender Wende.

Der Roman ist nur noch antiquarisch erhältlich - schade eigentlich.

Hier geht es zu Miras Rezension.

Samstag, 23. September 2017

Christopher Morley: Das Haus der vergessenen Bücher

- ein Buch über Bücher.

Taschenbuch, 256 Seiten
Atlantik, 8.September 2014
Die Originalausgabe erschien 1919 unter dem Titel
"The Haunted Bookshop"

Inhalt
Dieser Roman ist den Buchhändlern gewidmet, wie Christopher Morley in seiner Widmung kund tut.

In der antiquarischen Buchhandung "Parnassus", die im Stadtteil Brooklyn in einem gemütlichen Stadthaus der Gissing Street untergebracht ist, spukt es. Das behauptet zumindest der Besitzer des Sammelsuriums kostbarer Bücher, Roger Mifflin. Seine ganze Leidenschaft gehört seinen Schätzen, dem guten Essen, seiner Frau Helen - und seiner Maiskolbenpfeife.
An einem kalten Novemberabend macht er die Bekanntschaft von Aubrey Gilbert, der ein bestimmtes Anliegen hat.

"Ich vertrete die Grey Matter Advertising Agency- Reklame mit Grips, wie der Name schon sagt - und möchte Ihnen zu bedenken geben, ob Sie Ihre Werbung nicht in unsere Hände legen, uns mit der Abfassung schmissiger Werbesprüche für Sie betrauen und uns deren Platzierung in auflagenstarken Medien übertragen wollen. Jetzt, wo der Krieg zu Ende ist, sollten Sie an eine effektive Kampagne zur Erzielung größerer Umsätze denken." (S.11)

Bei Miffley, der nicht einmal eine Registrierkasse besitzt, stößt er dabei auf taube Ohren. Er vertritt die These, dass die Menschen nicht wissen, dass sie Bücher brauchen, also helfe auch keine Werbung dafür.

"Die Menschen gehen erst dann zu einem Buchhändler, wenn sie nach einem schweren Unfall ihrer Seele oder durch Krankheit die Gefahr erkennen. Dann kommen sie hierher. Würde ich Werbung machen, wäre das etwas so sinnvoll, als würde man kerngesunde Menschen zum Arzt schicken." (S.12)

Dennoch lädt Roger Mifflin den jungen Mann zum Essen ein, das seine Gattin gerade einen Familienbesuch in Boston tätigt. Dabei vertraut er Aubrey seine eigene sehr amüsante Küchenphilosophie an:

"In der Küche sehe ich den Schreiben unserer Kultur, die Essenz all dessen, was wohlgestalt ist im Leben." (S.15)

In die beschauliche Welt der Mifflins kommt Bewegung, denn Mr Mifflin hat sich aus Verbundenheit zu einem alten Freund - Mr Chapman, für dessen Kurpflaumen Aubreys Agentur Werbung macht - bereit erklärt, dessen Tochter in den Buchhandel einzuführen. Daher reist die junge Dame, Titania, an, um bei den Mifflins zu wohnen und zu arbeiten.

Ein anderes Ereignis, dass Roger Mifflin aus der Fassung bringt, ist ein verschwundenes, oder vielleicht gestohlenes Buch: Thomas Carlyles Oliver Cromwell.

Seltsamerweise entdeckt Titania eine Suchanzeige in der Zeitung, in der eben jenes Buch als verloren gemeldet wird, von einem Beikoch des Octagon-Hotels. Die gleiche Meldung zeigt auch Aubrey Mr Mifflin und bei der Gelegenheit lernt er die junge Dame kennen und verliebt sich selbstredend in sie.

Aubrey hat jedoch noch Seltsameres zu erzählen. Er begegnet nämlich jenem Koch in der Hotellobby, wobei dieser das Buch in der Hand trägt. Darauf angesprochen scheint er erschrocken und es stellt sich heraus, dass er derjenige gewesen ist, der in der Buchhandlung Paranassus auch nach diesem Roman gefragt hat. Und, das Buch ist zurück, aber mit einem neuen Umschlag.
Noch skurriler wird es, wenn Aubrey den Buchumschlag im Drugstore von Mr Weintraub, einem Deutschen, findet, geistesgegenwärtig steckt er es ein und wird anschließend auf einer Brücke überfallen.
Was geht da vor sich? Er beschließt die Buchhandlung zu beschatten und Titania zu beschützen.


Bewertung

"Das sogenannte gute Buch gibt es nicht. Ein Buch ist nur dann gut, wenn es menschlichen Hunger stillt oder einen menschlichen Irrtum widerlegt. Ein Buch, das aus meiner Sicht gut ist, ist für Sie vielleicht ohne jeden Wert." (S.13)

Die Ausführungen Roger Mifflins zu der Literatur, der amerikanischen, zum Buchhandel, zur Weltlage sind interessant zu lesen und manchmal erschreckend aktuell. Zum Beispiel, wenn er den patriotischen Egoismus als Ursache der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Staaten anprangert:

"Lasst uns die Welt lieben, lasst uns die Menschheit lieben - und nicht nur unser Land. Deshalb ist die Rolle so wichtig, die wir auf der Friedenskonferenz spielen werden. Unser Motto dort drüben muss "Amerika zuletzt" lauten, und darauf sollten wir stolz sein, denn als einzige Nation sollte es uns da drüben nicht um Eigennutz gehen, sondern nur um den Frieden." (S.114)

Vielleicht sollte man dem amerikanischen Präsidenten diesen Roman zur Lektüre empfehlen!

Der Spionagefall ist zweitrangig und recht konfus, allerdings sorgt er im letzten Teil des Romans für eine Spannungssteigerung, während der erste Teil den Reflexionen, die manchmal etwas zu ausschweifend sind, und dem Wert der Bücher gewidmet ist.

Dafür entschädigen die Erzählerkommentare:

"Unsere Leser würden uns berechtigtermaßen grollen, wenn wir uns nicht an einer Beschreibung der jungen Dame versuchen würden, und wir wollen die wenigen Häuserblocks, die sie auf der Gissing Street zurücklegte, dazu nutzen." (S.65),

die genau, wie die heutzutage altmodisch wirkende Sprache den ganz besonderen Reiz dieses ruhigen Romans ausmachen, der betulich die Spionage Geschichte entwickelt, um sie überraschend aufzulösen.

Ein Roman, der sich an Bibliophilie richtet und für Lesevergnügen sorgt.

Und ich weiß jetzt, dass ich eine "Librocubicularistin" bin, jemand, der gerne im Bett liest ;)