Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graham Greene: Der dritte Mann

- die Erzählung zum Film.

Leserunde auf whatchareadin.

Hardcover, 207 Seiten
Edition Büchergilde, 2017

Vielen Dank der Büchergilde für dieses schöne illustrierte Leseexemplar.

"Der dritte Mann" ist eine Erzählung, die ursprünglich nur als Grundlage für den bekannten Film dienen sollte. Graham Greene beabsichtigte nicht sie zu veröffentlichen, glücklicherweise hat er es sich anders überlegt.
Ich selbst habe den Film nicht bewusst in Erinnerung, obwohl es durchaus sein kann, dass ich ihn irgendwann einmal gesehen habe. Nach der Lektüre werde ich ihn mir auf jeden Fall anschauen. Mein Vorteil ist, dass ich so unbelastet - ohne die Bilder des Films im Kopf zu haben - lesen und die wunderbar düsteren Illustrationen auf mich wirken lassen konnte.

Worum geht es?
Zu Beginn spricht ein Ich-Erzähler uns Leser*innen direkt an und bereitet uns auf den Schauplatz vor:

"Wenn Sie diese seltsame, ziemlich traurige Geschichte verstehen wollen, müssen Sie wenigstens einen Eindruck vom Hintergrund bekommen - von der zerstörten, trostlosen Stadt Wien..." (S.16).

Wien ist im Februar 1945 eine in Zonen unterteilte, zerstörte, trostlose Stadt. Der Protagonist der Geschichte ist neben dem Ich-Erzähler, der "fröhliche Trottel" Rollo Martins (S.15), in dem ein ständiger Konflikt herrscht.

"Rollo schaute jeder Frau nach, die vorbeikam, und Martins schwor den Frauen für alles Zeiten ab. Ich weiß nicht, welcher von beiden die Westernromane schrieb." (S.23)

Die Romane schreibt er unter dem Pseudonym Buck Dexter. Auf der Beerdigung von Harry Lime begegnet der Ich-Erzähler jenem Rollo zum ersten Mal und teilt mit, dass er das folgende Geschehen, das sich in jenem Februar 45 abgespielt hat, aus den Akten und in Gesprächen mit Martins rekonstruiert hat.

Der dritte Mann (S. 20/21)
Martins wird von seinem alten Schulfreund Harry Lime, eben jener, der beerdigt wurde, nach Wien eingeladen und verspricht ihm, alle Auslagen zu bezahlen. In Wien angekommen steht Martins aber allein da und so sucht er Lime in dessen Wohnung auf, wobei er erfährt, dass er von einem Auto überfahren worden ist und gerade beerdigt wird.
Nach der Beerdigung spricht ihn der Ich-Erzähler, Colonel Calloway, der für Scotland Yard arbeitet, an, und erzählt Rollo, dass Harry als Schieber gearbeitet habe. Rollo reagiert aggressiv auf diese Eröffnung und will der britischen Polizei beweisen, dass diese Anschuldigungen haltlos sind.
Im Hotel Sacher erwartet Rollo ein Mann namens Crabbin und ein auf den Namen Dexter gebuchtes Zimmer. Crabbin verwechselt Martins offenbar mit dem bekannten Autor Benjamin Dexter und lädt ihn für den übernächsten Tag zu einer Diskussion zum zeitgenössischen Roman ein - eine wirklich witzige Szene. Der Westernschreiber, der sich zu James Joyce äußern soll.

Zuvor erhält Rollo aber einen Anruf von Kurtz, angeblich ein Freund Harry Limes, der ihn kurz vor seinem Tod noch gebeten habe, sich um Rollo zu kümmern.
Sagte Calloway nicht, Lime sei sofort gestorben? Und wer ist die junge Frau, die am Grab gewesen ist? Der Reihe nach sucht Rollo alle am Unfall Beteiligten und einen Beobachter aus dem Haus auf. Neben dem Fahrer des Wagens, der Harry gekannt hat, und Kurtz stand auf der anderen Straßenseite Colonel Cooler, ebenfalls ein Freund Harrys. Doch der Beobachter hat neben diesen beiden, einen dritten Mann gesehen, der die Leiche Harrys ins Haus gebracht hat.
Wer ist der "dritte Mann"? War Harry wirklich in Schiebereien verwickelt? Welche Rolle spielen Cooler und Kurtz bei dem Unfall?
Antworten und ein echter Showdown warten uns ;)

Bewertung
Ein sehr spannender Krimi, in wunderbarer Sprache und mit trockenem Humor durchsetzt, wie die Beschreibung des Wiener Zentralfriedhofs beweist,

"ein Schneetoupet war über ein Engelsgesicht verrutscht, ein Heiliger trug einen dichten, weißen Schnurrbart, und ein Tschako aus Schnee saß in beschwipstem Winkel auf der Büste eines höheren Staatsdieners namens Wolfgang Gottmann." (S.27)

Der dritte Mann (S.190)
Die verschiedenen Zeitebenen sorgen für zusätzliche Spannung, da Colonel Calloway rückblickend von den Ereignissen erzählt, kann er Voraus- und Andeutungen machen, falsche Spuren legen und Ereignisse bewerten. Der Roman gibt aber auch einen authentischen Eindruck vom besetzen Wien, von der Aufteilung in vier Zonen - russische, amerikanische, britische und französische. Die mangelnde Zusammenarbeit der Russen mit den Westmächten deutet schon auf den kommenden kalten Krieg hin. Die düstere Atmosphäre wird in den Illustrationen wunderbar widergespiegelt, aber aufgelockert mit humoristischen Szenen.
Der Autor arbeitet bewusst mit Stereotypen, so ist der französische Soldat bei einer Festnahme völlig entspannt, der Amerikaner heldenhaft, der Brite Gentleman und der Russe rüpelhaft. Satirisch werden die den Nationen zugesprochenen Eigenschaften vorgeführt. Auch Harry Lime stellt sich als skrupelloser Schurke dar, dem es um schnelles Geld geht. Nur Rollo ist ambivalent - weder ein waschechter Held noch ein Feigling - auf jeden Fall ein Sympathieträger.
Jetzt freue ich mich auf den Film und kann all denen, die nur den Film kennen, diese Erzählung ans Herz legen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

- "das Reale muß nicht unbedingt wahr und die Wahrheit nicht unbedingt real sein" (S.658)

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 766 Seiten
btb, 14. September 2007

Eigentlich ist der magische Realismus nicht mein bevorzugtes Genre. "Die gefährliche Geliebte", der einzige Roman, den ich bisher von Murakami gelesen habe, hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Trotzdem habe ich zugestimmt, als Mira vorgeschlagen hat, diesen Roman zu lesen. Unsere Lektüre war ebenso wie unser Austausch über unzählige Sprachnachrichten und ein langes Telefonat sehr intensiv. Gegenseitig haben wir uns motiviert, bis zum Ende durchzuhalten. Hat es sich gelohnt?

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht der 30-jährige Toru Okada, der seine Stellung in einer Anwaltskanzlei kündigt und auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Immer wieder hört er vom Haus aus

"den mechanischen Ruf eines Vogels (...), der so klang, als zöge er eine Feder auf. Wir nannten ihn den Aufziehvogel. Kumiko hatte ihn so getauft. Wir wußten nicht, wie er wirklich hieß oder wie er aussah, aber das störte den Aufziehvogel nicht. Jeden Tag kam er zur nahen Baumgruppe und zog die Feder unserer ruhigen kleine Welt auf." (S.14)

Doch diese ruhige Welt, in der Toru mit seiner Frau Kumiko lebt, gerät aus den Fugen. Zunächst ist ihr gemeinsamer Kater Noboru Wataya, benannt nach Kumikos Bruder, verschwunden und Toru soll sich auf die Suche nach ihm machen. Dazu klettert er über die Mauer hinter dem Haus in eine Gasse, deren Anfang und Ende zugemauert wurde und begibt sich zu dem verlassenen "Selbstmörderhaus" (Alle Menschen, die dort gewohnt haben, haben Selbstmord begangen). Dabei lernt er die 16-jährige May Kasahara kennen, die sich weigert zur Schule zu gehen und ein dunkles Geheimnis hat. Sie zeigt ihm auf dem verlassenen Gelände einen ausgetrockneten Brunnen, neben dem "Aufziehvogel" ein weiteres Dingsymbol, das den Roman durchzieht.
Die seltsamen Ereignisse häufen sich. Toru wird von einer "Seherin", Malta Kano, angerufen, die ihm helfen soll, den Kater zu finden. Er lernt deren Schwester Kreta Kano kennen, die ihm ihre Lebensgeschichte offenbart, in der Kumikos Bruder eine unheilvolle Rolle spielt, da er sie "beschmutzt" hat. Daneben wird Toru von einer Telefon-Sex-Frau belästigt und plötzlich ohne Vorwarnung verlässt ihn seine Frau und verschwindet spurlos. Toru stellt sich die Frage:

"Und ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen vollkommen zu verstehen?" (S.34)

Ob die Abtreibung, die Kumiko entschieden hat, eine zentrale Rolle für die folgenden Ereignisse gespielt hat? Oder ihr Bruder, der als Politiker Karriere macht und von dem eine dunkle Macht auszugehen scheint und den Toru vollständig ablehnt? Auch Kumikos Brief, in dem sie zugibt, ihn betrogen zu haben, löst das Rätsel ihres Verschwindens nur unzureichend.

Torus Leben wird in dieser Zeit vor allem von Träumen bestimmt und oftmals fällt es schwer Traum und Realität auseinander zu halten. Weitere Figuren treten auf, wie der Leutnant Mamiya, dessen Lebensgeschichte ebenfalls im Verlauf der Handlung erzählt wird. Er wird im Jahre 1937 in die Mandschurei geschickt und landet während eines missglückten Geheimauftrages in einem ausgetrockneten Brunnen - zum Sterben verdammt. Doch er wird gerettet und indem er Toru seine Leidensgeschichte erzählt, erfahren wir etwas über die Geschichte Japans am Ende des 2.Weltkrieges.

Jener Brunnen inspiriert Toru in den ausgetrockneten Brunnen des Unglückshauses zu steigen - keine Szene für Klaustrophobiker (wie mich). Er versucht  ins Unterbewusstsein hinabzusteigen, sich von seinem Körper zu trennen und einen Weg zu Kumiko zu finden, die er in seinen Träumen sucht. Gezeichnet verlässt er den Brunnen und schließlich tauchen noch zwei weitere Figuren auf: Muskat und Zimt Akasaka - Mutter und Sohn, deren Lebensgeschichte erneut ins besetzte China in einen Zoo zurückführt, in dem Muskats Vater als Tierarzt gearbeitet hat.

"Während ich Zimt die Geschichte erzählte, sah ich alle Farben und Formen klar und deutlich vor mir, und es gelang mir, das, was ich sah, in Worte zu fassen - in genau die Worte, die ich brauchte - und ihm dadurch alles zu vermitteln. In jede Richtung ging es endlos weiter. Es gab immer weitere Details, die sich zusätzlich einfügen ließen, und die Geschichte gewann immer mehr an Tiefe und Weite und Raum." (S.562)

Das passt auch genau zu diesem Roman, viele Details, Lebensgeschichten, Unterbewusstsein, Traum, was ist noch wirklich?
Da gelingt es nicht immer den roten Faden festzuhalten, auch wenn am Schluss das lose Ende wieder auftaucht, bleiben viele Fragen offen.


Bewertung
Magischer Realismus - die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwindet. Unterbewusstes scheint real und erfordert von den Leser*innen sich auf diese teils surrealen Welten einzulassen.
Das ist nicht immer leicht, weil in diesem Roman die Grenzen fließend sind und ein klare Struktur fehlt. Es gibt sehr viele Figuren und ihre Geschichten, die für sich gesehen, sehr interessant sind, fließen ebenfalls ineinander. Die Zusammenhänge zu erkennen ist schwierig und fordert zur Interpretation heraus. Psychoanalytiker*innen hätten sicherlich ihre Freude an diesem Roman.

In unserem Telefongespräch haben Mira und ich versucht, die Situation Kumikos, die von ihrem Bruder ebenfalls "beschmutzt" wurde, zu deuten. Der Brunnen, der am Ende wieder Wasser spendet, als Zeichen dafür, dass sich Toru seinen Gefühlen hingibt, einen Zugang zu den Gefühlen Kumikos erreicht, die Barrieren zu ihr überwunden hat, ein tiefes Verständnis ihrer Situation erreicht.
Während in Torus Brunnen das Wasser zurückkehrt, vielleicht auch, weil er seinen Widersacher zumindest im Traum niedergestreckt hat, bleibt Leutnant Mamiya Brunnen trocken - ihm gelingt die Rache an seinem Feind nicht - eine Kontrastfigur zu Toru, weil er keinen Frieden und Glück finden kann?
Aufgefallen sind uns die vielen gewalttätigen Szenen, die die Schilderungen des Krieges zwischen Japan und Russland mit sich bringen. Aber auch Toru schlägt einen Sänger nieder und gerät so an einen Baseballschläger. Andere Szenen sind ebenfalls grausam - wie die Tötung der Tiere im Zoo. Vieles möchte man überlesen und schnell wieder vergessen.
Ein Roman, der zur Auseinandersetzung auffordert und sich nicht ohne Weiteres erschließt. Ich bin sehr froh, dass ich ihn gemeinsam mit Mira gelesen habe und wir immer im Austausch standen, so dass wir uns gegenseitig "entlasten" konnten.
Obwohl ich meine Schwierigkeiten mit dem Genre und der Thematik hatte, werde ich auf Miras Empfehlung noch "1Q84" lesen, ihrer Aussage nach eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Hier geht es zu Miras Rezension.


Samstag, 25. November 2017

Isabella Archan: Auch Killer haben Karies

- ein skurriler Kriminialroman.


Taschenbuch, 320 Seiten
Emons Verlag, 23. März 2017

Nachdem ich den Krimi "Helene geht baden" von Isabella Archan rezensiert hatte, war die Autorin, die auch schon in meiner Lieblings-Buchhandlung gelesen hat, so freundlich, mir einen ihrer weiteren Krimi zukommen zu lassen.

Auch dieses Mal kommt der Humor glücklicherweise nicht zu kurz und mildert so die recht drastischen Schilderungen des Mordes.




Worum geht es?

"Ebbi liebte ihren Mörder." (S.8)

So lautet der erste Satz des Romans, in dem zu Beginn minutiös beschrieben wird, wie ein Mann in Frauenkleidern von einem anderen stranguliert wird.

Währenddessen sitzen im Café gegenüber der Kölner Hauptkommissar Jakob Zimmer und Dr. Leocardia Kardiff, eine Zahnärztin mit Spritzenphobie, die sich beide während einer Mordermittlung kennen gelernt haben. ("Tote haben kein Zahnweh")

Sie werden während ihres 7.Dates Zeuge, wie "Ebbie" aus dem Fenster der Wohnung auf ein Auto fällt und Leo kann nur noch den Tod feststellen, während Jakob Zimmer sofort seine Kollegen - Birgit von Zeh, Per Kowalski und Luis Fahrenz - benachrichtigt und den Tatort, eine leere Wohnung, sichert.
Beim Toten handelt es sich um Eberhard Dallinger, 51 Jahre alt, wohnhaft in Köln, der eine ausgeprägte weibliche Seite hatte - daher die Frauenkleider, die jedoch nicht von seiner Frau stammen, die seine Vorliebe kennt.
Angestellt war er bei Hannes Probst, der eine Kosmetik-Serie vertreibt und am nächsten Tag in Leos Zahnarztpraxis auftaucht. Er ist einer von vier neuen Patienten, die sie am Tatort gesehen und dort erfahren haben, dass sie Zahnärztin ist.

Da auch die Innensicht des Mörders selbst eingenommen wird, erfahren wir als Leser*innen, dass einer der Neuen der Täter sein muss:

"Er hatte vor gerade mal einer Stunde mit stoischer Ruhe einen Gürtel um einen Hals gelegt und einen Körper zwei Etagen abwärts befördert, doch bereits seit seinem fünften Lebensjahr fürchtete er sich vor allem, was mit der Silbe "Zahn-" begann. Panisch. (...) Den ersten Stich an den unteren Vorderzähnen hatte er vorhin bei der Frage "Die Zahnärztin?" gespürt. Ausgesprochen von einer Polizistin in Zivil, die sich an ihm vorbei durch die Menge gekämpft hatte, ihren Ausweis in die Höhe haltend." (S.49, 50)

Am lustigsten sind die Kapitel, die aus der Ich-Perspektive Leos erzählt werden, die nicht nur von einer Spritzen-Phobie geplagt ist, sondern auch den Tick hat, sich selbst zu ohrfeigen, um sich zur Räson zu rufen. Sich zu sagen, nicht in die Ermittlungen einzugreifen. Sie ist 44 Jahre alt, geschieden, Mutter von 15-jährigen Zwillingen und scheint eine sehr neugierige Person zu sein, so dass sie sich natürlich einmischen wird und zwangsläufig in Gefahr gerät.

Die Suche nach dem Mörder entpuppt sich dabei als schwieriger als gedacht. Der junge Ermittler Luis findet heraus, dass es innerhalb Deutschlands und sogar in Bern weitere Fälle gibt, bei denen der oder die Tote nach dem Mord "gefallen" sind. Hat das Kölner Ermittlerteam es mit einem Serienkiller zu tun?
Der zunächst recht einfach erscheinende Fall hält noch eine erstaunliche Wende bereit.


Bewertung
Wie in "Helene geht baden"  haben wir es auch dieses Mal mit einem Täter zu tun, der psychisch krank ist, ohne dass dies im Detail geklärt wird. Schwankt der Krimi um Helene zwischen Gefahr und Komik, überwiegen in diesem Krimi die komischen Elemente. Dafür sorgt die schräge, chaotische, aber liebenswerte Leo, die auf eigene Faust Fragen stellt und in den Fokus der Gefahr gerät - und das gleich mehrmals.
Obwohl man recht früh weiß, wer der Täter ist, erfährt der Fall eine überraschende Wende und es zeigt sich, dass sich mehr dahinter verbirgt, als man zunächst ahnt.
Besonders gut haben mir die Wechsel in der Erzähl-Perpektive und die szenischen Elemente gefallen. Ein Kapitel besteht ausschließlich aus einem Dialog, einem Telefongespräch, und eines gibt wieder, was auf die Mailbox des Mörders gesprochen wird, ein weiteres ist "Eine Szene wie aus einem Drehbuch:" (S.273) mit entsprechenden Regieanweisungen.

Ein spannender, amüsanter und sehr unterhaltsamer Krimi, mit einem sympathischen Ermittler und einer schrägen Zahnärztin, die sicherlich noch in den ein oder anderen Fall hineingeraten wird - so deutet es zumindest der Epilog an.

Hier geht es zur Verlagsseite.

Sonntag, 19. November 2017

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

- melancholischer Kriminalroman.

Gebundene Ausgabe, 317 Seiten
Suhrkamp, 11. September 2017

Vielen Dank für das Leseexemplar, hier geht es zur Buchseite des Suhrkamp Verlages.


Der erste Teil der Reihe (den ich unbedingt noch lesen will!) um den pensionierten Kriminalkommissar Jakob Franck, Der namenlose Tag, wurde mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Dies ist nun der 2.Fall für den sympathischen Ermittler, der es sich auch in seinem Ruhestand zur Aufgabe gemacht hat, "Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen." (S.16)

Worum geht es in dem Mordfall?
Nachdem der 11-jährige Lennard Grabbe an einem stürmischen und regnerischen Abend nicht Hause kommt, beginnt eine fieberhafte Suche. 34 Tage später wird die Leiche in der Nähe eines Gasthofes gefunden, Tatort ist jedoch ein Spielplatz in der Nähe der Schule.
Jakob Franck sucht die Eltern auf, die ein Café betreiben, um ihnen die schreckliche Botschaft zu überbringen und "ermordet das Glück" dieser Familie.

">Ich habe Ihnen und Ihrem Mann eine schlimme Nachricht zu überbringen.<" Dann verschwand die Welt um sie herum.
Als die Welt wieder da war, gehörte Tanga Grabbe nicht mehr dazu." (S.12)

Tanja Grabbe, Lennards Mutter, zerbricht am Tod ihres Kindes, schließt sich in sein Zimmer ein. Auf der Beerdigung spricht sie sehr bewegend nur zu seinem Bild.

"Sie senkte den Kopf und bemerkte, dass sie eine gerahmte Fotografie in den Händen hielt. Das bist doch du, sagtes sie und betrachtete das sonnige Gesicht, zu ihm allein hatte sie gesprochen, nicht über ihn, nicht zu den anderen, nur zu ihm, ihrem Sohn; wenn er in ihrer Nähe war, brauchte sie niemanden sonst. Als er auf die Welt kam, brachte er sie mit." (S.54)

Sie weigert sich mit ihrem Mann Stephan und ihrem Bruder, Maximilian Hofmeister, zu sprechen, obwohl sie mit letzterem innig verbunden ist. Auch Max´ Glück, der seiner Schwester zuliebe den Friseursalon des Vaters übernommen hat, scheint verloren - ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit bemächtigt sich seiner und will ans Licht.
Während die Sonderkommission keinen Schritt bei der Tätersuche vorankommt, begibt sich Franck auf Spurensuche. Seine Ehe ist vor 20 Jahren gescheitert, da Francks Gedanken sich fast ausschließlich um seine Arbeit gedreht haben und vielleicht auch, weil die Ehe kinderlos geblieben ist. Doch immer noch ist er seiner Ex-Frau verbunden und trifft sie regelmäßig.
In seiner Erinnerung tauchen die ungelösten Fälle seiner Vergangenheit auf und immer wieder seine Schwester, die ebenfalls ermordet worden ist.

"An diesem frostigen Montagnachmittag taumelte Franck, unbemerkt von seinem Begleiter, in seine eigene Welt; in dieser Welt hatte er seine Schwester verloren und nie aufgehört, sie zu vermissen; als läge ihr Tod nicht schon fast ein ganzes Leben zurück, sondern vielleicht erst drei Monate - so lange wie die Ermordung des elfjährigen Lennard." (S.177)

In einer Art Meditation bündelt er seine Gedanken und begibt sich auf die Suche nach dem Fossil, dem Puzzleteilchen, das zur Aufklärung des Falls führt. Er verbringt Stunden am Tatort, geht alle Zeugenaussagen und Protokolle noch einmal durch, bis er endlich das entscheidende Detail entdeckt.

Bewertung
Eigentlich lese ich prinzipiell keine Kriminalromane, in deren Mittelpunkt die Ermordung eines Kindes steht und die Eltern in ihrer Trauer zurückbleiben, da es mir zu nahe geht. Doch mehrere Rezensionen haben mich auf den Roman neugierig gemacht, so dass ich eine Ausnahme gemacht habe.

Friedrich Ani spart die Trauer der Mutter nicht aus, als Leser*in taucht man tief in ihre Gedanken hinein und kann die Ermordung des Glücks mit-fühlen. Dadurch, dass die Gedanken und Gefühle jedoch in der erlebten Rede (Sie-/Er-Perspektive) erzählt werden, entsteht eine Distanz, die es ermöglicht, die Trauer der Protagonisten zu ertragen. Trotzdem ist ein sehr melancholischer Krimi, in dem die fragile Familienkonstellation der Grabbes völlig zerbricht und der Bruder Tanjas für eine alte Schuld bezahlen kann. Menschliche Abgründe - überall.

Natürlich ist der Kriminalroman auch spannend, die fast schon exzessive Suche Francks nach dem Mörder erzeugt einen Sog, dem ich mich nicht widersetzen konnte und fast glaubt man, das Fossil werde nie gefunden.

Ein beeindruckender Roman, in dem die Suche nach dem Mörder ebenso im Vordergrund steht wie die trauernden und verzweifelten Hinterbliebenen und der beharrliche, empathische Ermittler, von dem es hoffentlich noch weitere Fälle geben wird.




Donnerstag, 16. November 2017

Robert Menasse: Die Hauptstadt

- eine europäische Farce.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Berkel
14 Stunden 21 Minuten

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen ein Interview mit Robert Menasse mitzuerleben, in dem er sich als überzeugter Europäer präsentiert hat. Da er für seinen Roman den Deutschen Buchpreis erhalten hat, war meine Neugier geweckt.


Worum geht es?

Ein Schwein läuft durch Brüssel. Zuerst sieht es der Belgier David de Vriend, Holocaust-Überlebender, der nach 60 Jahren seine Wohnung verlässt, um in ein Altenheim zu ziehen.
Karl-Uwe Frigge, Deutscher und EU-Beamter, der in der Generaldirektion Trade der Europäischen Kommission arbeitet, erblickt das Schwein von seinem Taxi aus. 
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommision, wartet auf jenen Frigge, in den sie sich verliebt hat. Er soll ihr helfen aus dem ungeliebten Kulturbereich herauszukommen. Aus einem Restaurant heraus beobachtet sie das rosa Hausschwein, das Richtung Hotel Atlas läuft, aus dem gerade der Mörder Richard Ossietzky tritt.
Ein Mordfall, dem sich der Kommissar Brunfaut annehmen wird und der dann einfach zu den AKten gelegt wird und auch nicht gelöst werden wird - wie so viele Probleme der europäischen Union.

Martin Susmann, österreichischer Bauernsohn und Referent bei Fenia, dessen Bruder Florian einen großen Schweinemastbetrieb unterhält und der den Einfluss Martin in Brüssel gelten machen will, sieht das Schwein von seiner Wohnung aus, wie es gerade jemanden zu Boden wirft.

Professor Alois Erhart, Erimitus der Volkswirtschaft und eingeladen zu einem Think-Tank der Kommission, Europa, hilft jenem Mann, der vom Schwein zu Boden gestoßen wurde, einem Immigranten, dem durch den Kopf geht: „Sein Vater hatte ihn vor Europa gewarnt.“

In diesem furiosen Prolog erscheinen die wichtigsten Hauptfiguren  - verbunden durch ein rosa Hausschwein, das Brüssel noch einige Zeit beschäftigen wird.

Im Mittelpunkt stehen diese Figuren und das Jubilee-Projekt der Europäischen Kommission, das dazu dienen soll, das Ansehen der europäischen Union aufzupolieren. Fenia reißt das Projekt an sich und beauftragt Martin Susmann eine Idee auszuarbeiten. Dieser hat den genialen Einfall, Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen. Als Ort, an dem nationale Identität aufgehoben wurde und als Symbol, dass Nationalität überwunden werden muss, damit sich ein solch unfassbares Verbrechen nie wiederholen kann. Ob sich eine solche Idee durchsetzen kann?

Neben dem Jubilee-Projekt spielt auch ein Handelsabkommen mit China eine Rolle - es geht um Schweine. Am Beispiel der (Um-)wege, die Florian Susmann als Vertreter der europäischen Schweinezüchter gehen muss und der Argumente, die diesbezüglich ausgetauscht werden, wird deutlich, wie stark die nationalen Interessen innerhalb der EU immer noch im Vordergrund stehen. 

Der Roman endet mit dem Holocoust-Überlebenden David de Vriend, der von einer Bombe in der Brüsseler U-Bahn ums Leben kommt. Mit ihm stirbt die Erinnerung und konsequenterweise endet auch die Jubilee-Idee, Auschwitz zum Zentrum der Feierlichkeiten zu machen, in den Mühlen der Bürokratie und scheitert an nationalen Befindlichkeiten.
Und das Schwein? Am Ende ist es verschwunden, wie die europäische Idee?


Bewertung
Menasse verführt dadurch, dass er mit satirischen Mitteln die EU-Kommission und ihre Arbeitsweise bloß stellt, zum Lachen. Andererseits appelliert er mit der Idee Auschwitz zum Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu machen für die Überwindung des Nationalstaates, für ein vereintes Europa, in dem die nationalen Interessen hinter europäische zurücktreten, damit Auschwitz nie wieder Realität wird. Damit schärft er den Blick für die Grundidee hinter der EU und erinnert an das, was uns vereinen sollte.

Ein sehr interessanter Roman, der überaus unterhaltsam erzählt wird - und eine echter Hörgenuss dank des guten Vorlesers Christian Berkel. Neben der politischen Thematik wird auch die Lebensgeschichte der einzelnen Hauptfiguren ausgebreitet, die jeweils in sich stimmig ist und immer wieder um die Themen nationale Identität und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kreisen. Daneben enthält der Roman aber auch sehr berührende Szenen.

Prof. Erhardt beschreibt, wie er nach 40jähriger Ehe, mit seiner Frau Trudi guten Sex erlebt:

"Er schob ihr Nachthemd hoch, spürte dabei eine kurzen stechenden Schmerz in seinen Lendenwirbeln wie ein Stromschlag. Er stöhnte, sie zog das Hemd aus. Sie lächelte, erstaunt, fragend. Er betrachtete ihren Körper, studierte ihn. Las jede Falte, jedes blaue oder rote Äderchen und jedes Fettpölsterchen wie eine Landkarte auf der ein langer gemeinsamer Weg eingezeichnet war. Ein Lebensweg mit Höhen und Tiefen und er drückte sich erregt an sie, weinte, drückte, das Licht, der Röntgenblick und plötzlich in größter Erregung spürte er es. Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten. Und sie lachte, Trudi. Ihre Seelen berührten sich.“ (Kapitel 83)

Ein Roman, den es sich zu lesen oder zu hören lohnt, und nicht nur, weil er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Hier geht es zur Seite des Verlags (Suhrkamp).

Montag, 13. November 2017

Bernd Mittenzwei: Die zweite Luft

- eine Novelle.

Taschenbuchausgabe, 182 Seiten
A. Fritz Verlag, 5. Juni 2017


Das Leseexemplar wurde mir vom Verlag zur Rezension angeboten. Da ich schon einige schlechte Erfahrungen mit solchen Anfragen gemacht habe, war ich zunächst kritisch. Doch die Thematik der Novelle hat mich angesprochen und überzeugt.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Jahre 1986 in Altdorf, einer Stadt in der Nähe von Nürnberg. Zu Beginn folgen wir der 40-jährigen Lydia auf ihrem morgendlichen Lauf aus der Stadt heraus, die ihr jahrelang Heimat gewesen ist.

"Dies war ihr Nest gewesen, ihre Geborgenheit, ihr Platz im Leben. Doch das war vorbei, es bedeutete nichts mehr. Dieser ganze Mikrokosmos, der ihre Welt gewesen war, diese ökologische Nische für Kleinstädter, dieser Tümpel, in dem jede Generation aufs Neue ihren Laich ablegte, sich vermehrte, fraß und starb, dessen Gerüche sie ihr Legen lang aufgesogen hatte, sie hatte sich satt gelebt darin." (S.10)

Lydias Leben ist im Wandel, auf ihrem langen Lauf gedenkt sie ihrer besten Freundin Sulla, die sie einst aus einer heiklen Situation gerettet hat und die in Südafrika gestorben ist. An ihre Arbeitsstelle, an ihren Exfreund und als Leser*in spürt man, dass Lydia davon läuft...

Der zweite Protagonist ist Stenger, verheiratet und zum Abendessen mit den Nachbarn geladen. Eine gesellschaftliche Verpflichtung, der er sich gerne entziehen will. Eoch eine Schuld lastet auf ihm, an die ihn seine Frau erinnert. Etwas, das ihn niederdrückt und ihn zum Alkohol greifen lässt.

"Andere Männer hatten es da leicht. Sie spielten leidenschaftlich Fußball, schraubten an imposanten Motorrädern, bastelten respektable Modellflugzeuge, planten aufregende Reisen oder bauten repräsentative Gartenhäuser. All dies stand ihm nicht zur Verfügung. Dies konnte er nicht, jenes wollte er nicht, und was er gewollt und gekonnt hätte, das ließ er bleiben, damit es ihm nicht misslingen konnte. Bis in alle Ewigkeit ist Sisyphos verdammt." (S.17)

Auch das Abendessen bei den Nachbarn misslingt, da Stenger sich haltlos betrinkt - mit fatalen Folgen.

Die dritte Figur ist der Zivildienstleistende Stefan, der in einem Altenheim arbeitet und sich um Theodor Macke, eine alten Herrn mit "schleimigen Altmännerphantasien" (S.31) kümmert.
Stefan ist ein Einzelgänger, ein Junge, der in seiner Kindheit wenig Liebe erfahren hat und sich in der Gegenwart der Alten gebraucht und geborgen fühlt. Doch dann macht er eine Dummheit und glaubt, er müsse fliehen. Mit dem Fahrrad macht er sich auf den Weg.

Genau wie Stenger nach dem katastrophalen Abend mit den Nachbarn in sein Auto steigt und davon  fährt.

Bewertung
Drei Menschen, die an einer Wegkreuzung stehen und weglaufen wollen, die ihren Weg suchen und Möglichkeiten ausloten und dann überraschend zusammen treffen.
Da der Roman jeweils aus der personalen Perspektive dieser Personen erzählt wird, taucht man als Leser*in intensiv in die jeweilige Gedankenwelt ein. Dem Autor gelingt es ein stimmiges Bild der Gefühlswelt der Figuren zu zeichnen - sehr authentisch die Situation, als Stenger im Bad betrunken versucht, die Richtung wieder zu finden. Die Sprache ist teilweise etwas überladen, aber immer wieder finden sich originelle Bilder und eindringliche Aussagen, die nur manchmal zu plakativ daherkommen. Insgesamt eine sehr positive Überraschung, eine unterhaltsame Novelle, die nachdenklich macht und ganz wunderbar das positive Gefühl beim Laufen beschreibt.

Die Schlüsselszene für mich ist, als Stefan und der alte Macke einmal zufällig Lydia und Sulla beobachten. Sulla, die ihrer Freundin zeigen will, dass man immer die Wahl hat - bei jeder Entscheidung. Dieses Gespräch geht Lydia beim Laufen durch den Kopf - "etwas anderes machen, das ganz andere".

Eine positive Überraschung!



Samstag, 11. November 2017

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

- Innenansichten eines Fossils.

Leserunde auf whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, 7. März 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Inhalt

Walter Nowak liegt im Badzimmer, unbeweglich. Seine Frau Yvonne ist auf einer Tagung und kommt hoffentlich wieder.

"Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, wir waren noch nie länger als länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang. Das lässt sich alles erklären, Yvonne wird es verstehen. Ich erzähle es ihr. Wo fange ich an?" (S. 5)

Der Roman ist ausschließlich im Gedankenstrom aus Walters Perspektive verfasst, was eine besondere Dynamik erzeugt und einen tiefen Einblick in die Welt dieses 68-jährigen Mannes ermöglicht. Wie eine Diskussionsteilnehmerin in der Leserunde so treffend bemerkt hat, gleichen die Sätze einer "Stickarbeit".

Walter erzählt (allerdings im Präsens, was zu Beginn verwirrt), wie er wie jeden Morgen ins Schwimmbad gefahren ist, um seine Bahnen zu ziehen und beim Anblick einer jungen Frau mit Pferdeschwanz - eine Frisur, die schon seine Mutter getragen hat und die ihn schwach werden lässt - verfehlt er das Ende der Bahn und knallt gegen den Beckenrand.
Ein Kopfverletzung, die ihn zunehmend verwirrter werden lässt. Wann genau er im Bad liegen bleibt und sich das abspielt, was er vor den Augen der Leser*innen ausbreitet, darüber haben wir auch diskutiert. Letztlich ist die Chronologie der Ereignisse weniger wichtig als das Leben selbst, von dem Walter erzählt.
Von seiner Kindheit als Bastard und dem Wunsch Elvis (der eine Zeit lang in Walters Heimatstadt stationiert gewesen ist) sei sein Vater. Von der Ablehnung seines Großvaters, der den ungeliebten Enkelsohn los werden will.

"Mein Großvater hat mich einmal, der hat mich zweimal, hat mich verdroschen, wann es nur ging. Doch irgendwann. Hielt ich die Axt in der Hand. Danach war Schluss mit den Schlägen." (S. 48)

Er erinnert sich an die Ausgrenzung, die er in der Schule und von Mitschülern erfahren hat - bis auf einen, dessen Tod für ihn ein einschneidendes Erlebnis ist.
Walter stellt sich den Leser*innen als Mann dar, der seine Probleme verdrängt, statt sie sie aufzuarbeiten.

"Der Paartherapeut, dieser Idiot. Ich bitte Sie, ich bin ein erwachsener Mann, ich werde jetzt nicht anfangen, ich werde Ihnen jetzt nicht vorheulen, wie schlimm meine Kindheit war. Meine Mutter hat alles getan, das war eine andere Zeit. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand." (S.13)

Ein Selfmade-Man, der stolz auf das ist, was er erreicht hat.

"Wer schläft denn bis zwölf. Das ist nicht der Igel, das bin doch nicht ich. Wer bis zwölf Uhr schläft, erreicht nicht, was ich errecht habe. Der boxt sich nicht durch, macht nicht die mittlere Reife. Der findet keine Lehrstelle beim besten Meister. Wer bis zwölf schläft, kann die Lehre vergessen, der wird nicht Elektriker. Erlangt nicht die Gunst seines Chefs. Wer bis zwölf Uhr schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt." (S.52)

Der aber kein Verständnis für seinen Sohn Felix hat, der nicht in seine Fußstapfen treten will und zu dem er keine Beziehung aufbauen kann. Er selbst hat nie einen Vater kennen gelernt, begibt sich aber auch nicht auf Spurensuche - selbst als sein Sohn sich für seinen unbekannten Großvater interessiert, verweigert sich Walter. Eine gemeinsame Reise in die USA wird zur Katastrophe.

Seine erste Ehe scheitert, seine zweite Frau - Yvonne - ist 20 Jahre jünger, ein Umstand, auf den Walter stolz ist. Das positive Bild, das er zunächst von Yvonne zeichnet, erhält jedoch Kratzer.
Die Zeit, in der Yvonne abwesend ist, gerät zum Desaster. Walter richtet ein heilloses Chaos im Haus an und es entsteht zunehmend der Eindruck, als habe er Erinnerungslücken. Immer wieder wandern seine Gedanken zur seiner Untersuchung - offensichtlich steht er vor einer Prostataoperation - ein Angriff auf seine Männlichkeit. Und es bleibt die Frage, warum er im Bad am Boden liegt, die sich erst ganz am Ende beantwortet.


Bewertung
Der Roman zeichnet das Psychogramm eines älteren Mannes, der sein Leben lang seine Problem verdrängt hat und die jetzt, da er unbeweglich zum Nachdenken gezwungen ist, auf ihn einströmen. Der fehlende Vater, die Ausgrenzung, die Nähe zur Mutter, die Untreue seiner ersten Frau gegenüber, die er völlig verdrängt hat. Empathie ist wahrlich nicht seine Stärke.
Sein Denken wird von Vorurteilen geprägt, von festen Glaubenssätzen, was sein darf und was nicht - Fitness, gut auszusehen im Alter, gehört für ihn unbedingt dazu. Er muss sich immerzu beweisen.
Seine Geilheit ist auch ein Tatsache, die er verdrängt, sie hat ihn in die unglückselige Situation im Bad gebracht, aber er kann natürlich alles erklären.
In seiner Erinnerung taucht immer wieder sein Sohn auf, die Enttäuschung, dass er einen Beruf erlernt hat, der eines Mannes nicht würdig ist. Walter ist wirklich ein Mann vom alten Schlag. Mehrfach waren wir uns in der Diskussionsrunde einig, er sei ein Fossil, einer Generation angehörig, die am Aussterben ist.
Der Gedankenfluss wirkt dabei völlig authentisch, die Figur ist stimmig und glaubwürdig.

Eine sehr interessante Komposition, in der - wie in einem Puzzle - das Lebens dieses gescheiterten und bemitleidenswerten - auch darüber gab es unterschiedliche Ansichten - Mannes Schritt für Schritt zusammengesetzt wird, so dass am Ende eine Gesamtbild vor den Leser*innen ausgebreitet ist.
Was aus Walter wird? Das bleibt offen, zu befürchten ist, dass Yvonne ihren eigenen Weg gehen wird.

Ein Roman, der mit seiner außergewöhnlichen Sprache und der Stimmigkeit der Figur auch den Deutschen Buchpreis verdient hätte.

Sonntag, 5. November 2017

John Banville: Die See

Man Booker Prize 2005

Kleine Leserunde bei whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 15. August 2006


Inhalt
Max Morden kehrt an einen Ort (Ballyless) seiner Kindheit, an "Die See" zurück. Dort hat er immer seine Ferien in einem kleinen Chalet gemeinsam mit seinen Eltern verbracht.

"Wir kamen jeden Sommer im Urlaub hierher, viele Jahre lang, viele Jahre, bis mein Vater uns sitzen ließ und nach England ging, wie Väter es bisweilen taten, damals und eigentlich auch noch heute. Das Chalet war ein klassisches Holzhaus nur in verkleinertem Maßstab." (S.33)

Auslöser für die Rückkehr ist der Tod seiner Frau Anna, die nach schwerer Krankheit von ihm geht und um die er trauert.

Aus der Ich-Perspektive von Max werden in verschiedenen Zeitebenen die Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse wach.
Manchmal springt der Ich-Erzähler unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit, wobei die Gedanken inhaltlich zusammengehören.
Auch innerhalb dessen, was geschehen ist, erinnert er sich nicht chronologisch. So setzt sich wie ein Puzzle die Vergangenheit - ein Sommer an der See, den Max als Junge erlebt hat -  Schritt für Schritt zusammen, was er als Erzähler selbst kommentiert:

"Und warum sollte ich mich wohl, anders als jeder dahergelaufene Melodramatiker, der Forderung verschließen, dass die Geschichte zum Schluss noch eine ordentlich überraschende Wendung braucht?" (S.196)

Eine große Bedeutung kommt in jenem längst vergangenen Sommer der Familie Grace zu. Bestehend aus den Eltern Carlo und Conny und den Zwillingen: der stumme Myles und die knabenhafte Chloe, sowie der Gouvernante Rose, die in die Villa "Zu den Zedern" einziehen. Ihre gesellschaftliche Stellung, die der Max´ überlegen ist, übt auf ihn eine besondere Faszination aus.

An jenen Ort kehrt auch der Witwer Max zurück.

"Die Villa heißt Zu den Zedern, wie eh und je." (S.9)

Inzwischen ist es eine Pension, geleitet von Miss Vavasour und dauerhaft bewohnt vom alten Colonel Blunden.
Max Tochter Claire begleitet ihn zunächst an die See. Einerseits liebt er sie, andererseits scheint er auch von ihr enttäuscht zu sein, da sie keine zweite Anna ist, und äußert sich abfällig über sie.

Außergewöhnlich gut gelingt es Banville die Atmosphäre, die Präsenz der See erlebbar zu machen, sie ist allgegenwärtig, man schmeckt sie, fühlt den Wind und hört die Wellen.

"An der See besteht alles aus schmalen Waagerechten, die ganze Welt reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Erde und Himmel gezwängte Linien." (S.14)

Und man kann sich in die Gedanken und die erotischen Träume des 11-jährigen Max hineinversetzen, die sich zunächst um Conny Grace drehen, dann aber von der Mutter auf die Tochter übergehen.
Mit Chloe wird er zur eigenständigen Person, entdeckt zum ersten Mal sich selbst.

"Indem sie mich von der Welt loslöste und mich dadurch erkennen ließ, dass ich ein losgelöstes Wesen war, schloss sie mich von dem Gefühl der Immanenz allen Seins aus, von dem Allsein, das mich umfangen hatte, in dem ich bis dahin in mehr oder minder glücklicher Unwissenheit gelebt hatte." (S.142)

Neben diesen Erinnerungen an das, was in dem Sommer geschehen ist, wandern Max´ Gedanken immer wieder zur gemeinsamen Vergangenheit mit Anna. Wie sie sich kennen gelernt haben, ihre Heirat, die Beziehung zu ihrem Vater, wie sie von ihrer Krankheit erfahren haben und zu ihrem Tod und seiner Hilflosigkeit.

"Wir tragen die Toten nur so lange bei uns, bis wir selber sterben, und dann sind wir diejenigen, die eine kleine Weile mit herumgetragen werden, und dann ist es an denen, die uns tragen, selbst umzufallen und so geht es immer weiter, von Generation zu Generation, bis in unvorstellbare Ewigkeiten." (S.100)

Die Identitätssuche des Protagonisten ist meines Erachtens der Mittelpunkt des Romans. Max hinterfragt sein Handeln, reflektiert sein Verhalten und gelangt zu Erkenntnissen über sich selbst.
Den Fragen, wer er sein will, wer er geworden ist und welche Bedeutung Anna und die Ereignisse um Chloe in seinem Leben gespielt haben, nähert er sich langsam an.

"Früher habe ich mich  stets als eine Art Freibeuter gesehen, einen der jedermann mit dem Entermesser zwischen den Zähnen begegnet, aber heute muss ich eingestehen, dass das eine Selbsttäuschung war. Versteckt, beschützt, behütet sein, mehr habe im Grunde nicht gewollt." (S.54)

Bewertung
Über den Charakter des Protagonisten haben wir in der Leserunde am meisten diskutiert. Ist Max sympathisch? Zumindest ist er ein ambivalenter Charakter, der sehr darunter leidet, in eine Gesellschaftsschicht hinein geboren zu sein, in der er sich nicht zugehörig fühlt. Die Bekanntschaft mit den Graces führt ihm vor Augen, was er sein will und wohin er möchte. Insofern ist seine Heirat mit Anna, die aufgrund der illegalen Geschäften ihres Vaters Geld zur Verfügung hat, opportunistisch, andererseits liebt er sie und verzweifelt an ihrem Tod zutiefst.

Letztlich ist die Frage nach der Sympathie zweitrangig. Die Auseinandersetzung mit seinem Leben, die Suche nach Identität, das Rätsel um jene schrecklichen Ereignisse, die an der See geschehen sind, die Beziehung der Figuren zueinander in jenem Sommer, die Schritt für Schritt aufgedeckt werden, erzeugen einen Lese-Sog - trotz der Reflexionen und der Sprünge zwischen und innerhalb der Zeitebenen.
Die außergewöhnliche bilderreiche Sprache lädt dagegen immer wieder dazu ein innezuhalten und über das Gelesene nachzudenken.

Ein besonderer Roman und sicherlich nicht der letzte, den ich von John Banville gelesen habe. Vielen Dank an Literaturhexle, die mich auf die Leserunde aufmerksam gemacht hat und die genau wie ich von der wunderbaren Sprache des Romans angetan ist.

Montag, 30. Oktober 2017

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Ein perfektes Leben?

Lesen mit Mira


Gebundene Ausgabe, 656 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mira und ich hatten das Vergnügen den Autor Klaus Cäsar Zehrer während der Frankfurter Buchmesse in einem Interview zu erleben, in dem er über die Idee zu seinem Roman über eines der größten Wunderkinder des letzten Jahrhunderts erzählt hat. Auf einer Liste der 10 intelligentesten Menschen sei ihm der Name William James Sidis zum ersten Mal begegnet. Neugierig geworden, wer sich dahinter verberge, habe er angefangen zu recherchieren. Und letztlich ist "Das Genie" entstanden, ein Roman, der einen Einblick in das Leben des William James Sidis ermöglicht und den Leser*innen selbst überlässt, wie sie das Erziehungsexperiment des Vaters Boris beurteilen.

Klaus Cäsar Zehrer auf der Frankfurter Buchmesse
Worum geht es?

Am 5. Oktober 1886 wandert der junge Ukrainer Boris Sidis in die Vereinigten Staaten von Amerika ein, ein Tag, den er künftig als seinen Geburtstag ansehen will, da für ihn ein neues, freies Leben anfangen soll. Dieses stellt sich zunächst jedoch als sehr mühsam heraus, es gilt Geld zu verdienen, einen Schlafplatz zu finden, Arbeit zu suchen. In der Fabrik, in der er beginnt, unterbreitet er seinem Vorarbeiter Verbesserungsvorschläge.

"Sie betrafen die Arbeitsabläufe in der Fabrik und waren umfassend, punktgenau, kristallklar formuliert und dermaßen einleuchtend, dass er sich nicht erklären konnte, warum er nicht schon längst selbst darauf gekommen war." (S.31)

Gegenüber dem Chef der Firma äußert er die Meinung, dass Bildung das Wichtigste für die Arbeiter und ihre Kinder ist, "damit sie freie und glückliche Menschen werden. " (S.34)

Man kann sich vorstellen, dass Boris Zukunft in der Firma damit beendet ist. Statt dessen bringt er sich in der öffentlichen Bibliothek selbst Englisch bei und gibt Nachhilfestunden. Er ist ein hervorragender Lehrer und versteht es aus seinen Schülern das Bester herauszuholen - ein Umstand, der ihn in seiner Heimat ins Gefängnis gebracht hat.
Durch einen Zufall verschlägt es ihn von New York nach Boston, wo er als Englischlehrer, inzwischen 22 Jahre alt, auch seiner zukünftigen Frau Sarah Mandelbaum begegnet. Sein erstes Experiment beginnt:

"Schon lange hatte er sich gefragt, wie hoch man einen Menschen durch Bildung heben konnte. Anhand dieses Mädchens würde er es herausfinden. Ein Experiment, wenn man so wollte." (S.61)

Es gelingt - so viel sei hier verraten. Trotz bürokratischer Hürden und der Tatsache, dass die Wissenschaften Frauen größtenteils verwehrt waren, studiert Sarah Medizin, macht ihren Doktor und heiratet den ehrgeizigen Boris, der auf die Frage, ob er sie liebe, antwortet:

"Ach je, Liebe. Was soll das sein? Traute Zweisamkeit, Familienidyll, Glück im Winkel...Wenn es mir darum ginge, könnte ich irgendeine nehmen. Aber es geht mir nicht darum, und Sarah ist nicht irgendeine. Was ich vorhabe, geht nur mit ihr. (...) Ich brauche sie." (S.100)

Boris ist kein sympatischer, liebenswerter Mensch - im Gegenteil, ihm geht es bei darum, zu beweisen, dass seine Erziehungs- und Lehrmethoden die besten sind. Ein Schlüsselerlebnis hat er, als er erlebt, wie Sarah in einer Show hypnotisiert wird. Fortan beschäftigt er sich mit Psychologie und beginnt in Harvard zu studieren, wo ihn Professor William James unter seine Fittiche nimmt.
Seine Forschungen beschäftigen sich mit dem "Subwaking Self".

"Du musst dir das so vorstellen: Du hast nicht nur eine Persönlichkeit, sondern zwei. Zum einen bist du die Sarah, die hier an diesem Tisch sitzt und isst und mir zuhört und so weiter. Du denkst, das bist du, und das stimmt auch, aber nur zum Teil. Weil, es gibt eben auch noch dein zweites Selbst. Du kannst es nicht sehen, noch nicht mal bemerken, aber es ist trotzdem immer in dir." (S.131)

"Meine Vermutung lautet, dass unser Gehirn zu wesentlich größeren intellektuellen Leistungen imstande ist, als wir gemeinhin annehmen. Nur ein kleiner Teil seines Potentials ist leicht zu aktivieren. Mit dem gewaltigen Rest verhält es sich wie bis vor kurzem mit dem Unterbewusstsein, wir wissen, das da etwas sein muss, aber wir haben noch keinen Zugang dorthin." (S.213)

Die erste Person, bei der Boris an dieses Potential herankommen will, ist sein Sohn William James Sidis, Billy genannt, der vom Tag seiner Geburt, dem 1.April 1898, lernen muss. Das Ziel Boris ist es, ein Genie aus ihm zu machen. Ein Experiment, das mit jedem Kind gelingen sollte.
Seine Eltern sprechen keine "Kindersprache" mit Billy, sondern mehrere Fremdsprachen, keine Lieder erreichen seine Ohren, statt dessen Farben, Formen, Bilder mit den entsprechenden Begriffen dazu.

Und die Methode scheint erfolgreich, denn mit zwei Jahren kann Billy lesen und hohe Erwartungen werden an ihn gestellt:

"William, du bist meine Hoffnung. Ich gebe alles, damit du nichts so wirst wie die anderen, so kleingeistig, denkfaul, niederträchtig und blutrünstig. Ich wünsche mir, dass man eines Tages in der New York Times nicht lesen wird, wie viele Menschen wieder irgendwo sinnlos gestorben sind, sondern was der große Gelehrte William James Sidis herausgefunden hat." (S.179)

Es ist ein weiter, steiniger Weg, bis die New York Times tatsächlich über den 39-jährigen William James Sidis schreibt. Ob aus dem Wunderjungen tatsächlich ein Gelehrter wird? Einer, auf den Boris stolz wäre?

Bewertung
Ein faszinierender Roman über ein erstaunliches Erziehungsexperiment, in dem ohne Zweifel ein hoch intelligentes Kind herangezogen wird, das 40 Sprachen beherrscht, früh lesen kann, ein außergewöhnliches mathematisches Talent besitzt und logisch argumentieren kann.
Aber auch ein Kind, das zunächst genau wie sein Vater unsympathisch erscheint - zwei "Flegel", die sich weder an gesellschaftliche Konventionen halten noch bereit sind, empathisch ihren Mitmenschen zu begegnen. Boris wird zunehmend zu einem rechthaberischen Patriarch, der gegen Freud vorgeht - in beleidigender Art und Weise, wie sie einem Wissenschaftler nicht geziemt. Sarah dagegen ist eine unbarmherzige Mutter, die William kurzerhand das Geld streicht, wenn er keine Erfolge vorweisen kann.
Bis zur Pubertät wird Billy regelrecht von seinem Vater vorgeführt, muss ständig sein Genie unter Beweis stellen, wie ein abgerichteter Hund - so mein Eindruck. Und wird gleichzeitig von den anderen Kindern gemieden und ausgegrenzt, da er sich nicht kindgemäß verhält.

Im Verlauf der Handlung empfindet man immer stärker Mitleid mit diesem Jungen, der permanent ein Außenseiter bleibt, da er wesentlich jünger als seine Mitschüler und Mitstudenten ist und nie gelernt hat, sich in einer sozialen Gemeinschaft zu bewegen. Seine motorischen Fähigkeiten lässt Boris interessanterweise außer Acht, mit der Begründung "Leibeserziehung sei ein Synonym für Zeitvergeudung." (S.240)
Ein Umstand, der es Billy noch weniger ermöglicht, ein "normales" Leben zu führen, statt dessen wird er zeitlebens ein Sonderling bleiben, ein lebendes Objekt, das beweisen soll, ob die Methode seines Vaters sich bewährt hat.
Die Pubertät verändert ihn und sein erklärtes Ziel ist es nun, ein perfektes Leben führen zu wollen mit strikten Regeln und Prinzipien, von denen er (fast) nie abweicht. Ein Leben jenseits der Öffentlichkeit und letztlich jenseits der Gesellschaft. Ob ihm das gelingen kann?

Scheitert die Methode?
Obwohl Zehrer betont, die Leser*innen sollen selbst urteilen, gibt er meines Erachtens im Roman die Antworten darauf.

"Am 12. Februar 1910 (...) wurde seine Schwester Helena geboren. Zu gerne hätten ihre Eltern sie nach der bewährten Sidis-Methode zum Genie erzogen, aber sie konnten den Aufwand unmöglich ein zweites Mal leisten." (S.316)

William selbst reflektiert darüber, ob die Welt wirklich besser wäre, hätte sich die Methode seines Vaters durchgesetzt. Und William weiß, dass die Methode gescheitert ist:

nicht an ihm, William, und auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt." (S.490)

William spricht genau jenen Punkt an, der mir beim Erziehen das meiste Unbehagen verursacht hat. Das Fehlen einer liebevollen Beziehung zwischen den Eltern und dem kleinen Billy. Die Erziehung zu einem empathischen und sozialen Wesen gehört neben der geistigen Förderung dazu. Ob letzteres im Elternhaus oder in den Schulen manchmal zu kurz kommt, darüber kann man sicherlich streiten.

Scheitert das perfekte Leben?
William bleibt ein Außenseiter. Seine Ideen über die perfekte Gesellschaft sind interessant, eine Utopie, die in der Realität und vor allem nicht im kapitalistischen Amerika umzusetzen sind. Sein unbedingter Pazifismus ist bewundernswert, er ist nicht bereit, seine mathematische Begabung in den Dienst des Militärs zu stellen. Und doch "verrennt" er sich in eine Idee, die ich nicht verraten will, und letztlich gelingt ihm nicht, so zu leben, wie er sich vorstellt. Er hat nie gelernt ein soziales Wesen zu sein, was sich auch in seinem Äußeren niederschlägt, und kann daher mit seinen Vorstellungen nur wenige Menschen erreichen. Eigentlich ein tragisches Schicksal!

Ein besonderer historischer Roman, über den man noch viele Seiten schreiben könnte.
Klare Lese-Empfehlung!

Und hier geht es zu Miras sehr ausführlicher Rezension, die sich intensiv mit der Erziehungsmethode befasst hat.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Jonas Lüscher: Kraft

"Why whatever is, is right and why we still can improve it?"

Kleine Leserunde auf whatchareadin


Gebundene Ausgabe, 240 Seiten
Büchergilde Gutenberg, 9.Oktober 2017


Worum geht es?
18 Minuten hat der Rhetorikprofessor Richard Kraft aus Tübingen Zeit, die Frage zu beantworten, warum alles, was ist, gut sei.
Theodicy and Technodicy: Optimism für a Young Millenium

Eine Preisfrage, die eine Million Dollar wert ist, ausgeschrieben vom Entrepreneur Tobias Erkner, dessen Visionen Krafts rhetorischen Verstand sprengt.

"Scheinbar mühelos und mit bestechender Selbstverständlichkeit gelang es dem Gründer des Amazing Future Fund augenscheinlich, Widersprüchliches, offensichtlich Falsches und klar erkennbar nicht Zusammengehörendes in einen gänzlich logisch wirkenden Zusammenhang zu bringen. Was Kraft am meisten verstörte, war das völlige Fehlen jeglicher emphatischer Rhetorik."" (S.8)

Eingeladen hat ihn sein Freund Ivan, den er 1981 in Berlin kennen gelernt hat und mit dem er seit dieser Zeit in regelmäßigen Abständen korrespondiert.
Ivan, ein ungarischer "Flüchtling", lebt inzwischen in Kalifornien als philosophischer Verteidiger des Kalten Krieges.
Seinen Arbeitsplatz hat Kraft dementsprechend in den Räumen an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace.
Doch er findet keinen Anfang und Ansatz, zu beweisen, dass alles gut ist, was ist. Das hat mehrere Gründe, wie uns der auktoriale Erzähler nahe legt:

"1. Die Schwierigkeit der Aufgabe selbst
2. Krafts Unvermögen, mit der Zeitverschiebung umzugehen
3. Krafts familiäre Situation
4. Krafts finanzielle Situation
5. Die existenzielle Notwendigkeit, die Jury zu beeindrucken, die sich aus drittens und viertens ergibt
6. Krafts Herberge [das Mädchenzimmer von Ivans Tochter]
7. Die ständige Saugerei [die von einem Staubsauger einer Reinigungskraft herrührt]" (S.16)

Kraft in zweiter Ehe mit der Unternehmensberaterin Heike verheiratet und Vater von Zwillingen muss erkennen, dass auch seine 2.Ehe vor dem Aus steht. Gewönne er die eine Million, könne er sich aus den finanziellen Verpflichtungen der ersten Ehe befreien und auch eine zweite Scheidung bezahlen.

Im Rückblick wird erzählt, wie er seine erste Liebe Ruth kennen gelernt hat, die ihm seinen Sohn sechs Jahre vorenthalten hat. Eine Liebe, die auf einem Verrat aufgebaut ist, hat doch jene Ruth seinen besten Freund Ivan mit einer Gerbera am Auge verletzt. Die immer wieder aufkommende Komik, die einigen Szenen innewohnt und in den Erzählerkommentaren durchbricht, verleihen dem philosophisch teilweise anspruchsvollen Roman Leichtigkeit und sorgen für entspannende Lesepassagen. Sehr skurril gestaltet sich auch das Wiedersehen zwischen Ruth, Richard Kraft und Ivan.

Kraft in seiner Verzweiflung zu begleiten, wie er um die Frage kreist, warum seine große Liebe Johanna ihn vor Jahren Richtung San Francisco verlassen hat, und wie es ihm trotz seiner Intelligenz nicht gelingt, eine optimistische Sicht einzunehmen, um die Preisfrage im Sinne Erkners zu beantworten, ist interessant und auch spannend. Doch bleiben die Leser*innen auf Distanz, dafür sorgt der Erzähler, der selbst immer wieder das Handeln und die Gedanken Krafts kommentiert.

Symbolisch ist Krafts Ausflug auf dem Fluss Corkscrew Slough auf einem Boot - eine komische Szene, die seine Verzweiflung sehr deutlich zum Ausdruck bringt und den Druck, unter dem er steht, greifbar macht.

"Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken. Nein, dafür müssen wir nun wirklich Verständnis haben, gerad angesichts der schieren Größe der Aufgabe." (S.68)

Der Roman erzählt aber nicht nur von den gescheiterten Ehen, der existentiellen Not und dem Verlust Johannas, sondern nimmt uns auch mit auf eine politische Zeitreise in die 80er Jahre der BRD.
Kraft und Ivan sind Zeugen des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt, beide
"Verfechter einer ultraliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nach angelsächsischem Vorbild" (S.79)
müssen sie schmerzlich erkennen, dass nicht Helmut Kohl die erhoffte geistig-moralische Wende vollzieht.

Kraft - überzeugter Kapitalist - gerät auf dem Campus in ein Gespräch zweier Absolventen der Stanford Business School, von denen einer ein Getränk zu sich nimmt, das alle notwendigen Nährstoffe enthält - ein flüssiges Nahrungsmittelsubstitut. Man erspare sich das Einkaufen, das Zubereiten von Essen, indem man die genau Menge des errechneten Energiebedarfs aufnehme, erläutert der junge Mann enthusiastisch. Kraft ist entsetzt.

"Am meisten beunruhigt ihn aber die Einsicht, dass hinter diesem Prozess der Quantifizierung der Wunsch nach einer Ökonomisierung durch Rationalisierung steckt." (S.102)

Kapitalismus pur - genau das, was Kraft sein Leben lang verteidigt hat und was ihn jetzt in der Realität abschreckt. Kein Wunder, dass er sich der Preisfrage nicht stellen kann - zu viele Zweifel, Pessimismus, Kulturkritik - eben keine Kraft. Er muss Johanna besuchen, davon erhofft er sich den entsprechenden optimistischen Schub.

Am Ende scheint er der Lösung nahe und vielleicht findet er eine entsprechende Begründung dafür, warum alles gut ist.

Bewertung
Ein starkes Buch, das in jeglicher Hinsicht zum Nachdenken einlädt. Über Liberalismus, Kapitalismus, über das Übel in der Welt und bemitleidenswerte Figuren bereit hält, die ihren eigenen Lebensansprüchen nicht gerecht werden.
Die Argumentation des Fortschrittsoptimisten Erkners hat mich sehr an den Roman "Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen" erinnert, in dem die Weltverbesserer und ihr zwangsläufiges Scheitern ebenso intelligent vorgeführt werden.

Ivan - der angebliche Dissident, dessen Biografie fast an der Wende zerbricht, der sich dann aber wieder retten kann, ist eine komisch-tragische Figur, ebenso wie
Kraft mit seinen gescheiterten Liebesbeziehungen, der sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, ob er ein Igel - ein Pessimist - oder ein Fuchs - ein Optimist- sei und doch letzteres so gerne wäre. Der in seiner existentiellen Not zu ersticken droht, ein Anti-Held, der keinen Ausweg mehr sehen kann.

Intelligent, anspruchsvoll, komisch und mit sprachlichen Formulierungen, die laut Literaturhexle "zum Niederknien sind" ;)

Montag, 16. Oktober 2017

Isabella Archan: Helene geht baden

- ein rabenschwarzer Krimi.

Taschenbuch, 300 Seiten
Conte Verlag, 1.September 2014

Krimi und Komik - geht das? Isabella Archan verbindet geschickt einen spannenden Kriminalfall, in der ein schreckliches und grausames Verbrechen begangen wird, mit komischen Elementen und außergewöhnlichen Erzählperspektiven, die die Tat erträglich machen. Eine Kostprobe - der Beginn:

"Sie sitzt auf einem Ast und versucht, mit Hilfe ihrer Gedanken den dünnen Zweig zu bewegen. Tatsächlich wippen die Blätter leicht auf und ab. Das könnte natürlich auch am Wind liegen. Moni ist zwar tot, aber nicht blöd." (S.11)

Worum geht es?
Moni ist ermordert worden und ihre Seele beobachtet, wie ein Jogger ihre übel zugerichtete Leiche findet. Auf ihrem Bauch finden sich Schnitte, die wie ein Jägerzaun aussehen. Gestorben ist sie am Blutverlust, gequält wurde sie nicht am Ufer des kleinen Sees im Park, an dem sie gefunden wird, sondern in ihrer Wohnung.

Die Ermittlungen übernehmen Peter Kraus, Spitzname: alter Rocker, und die junge Kommissarin Willa Stark - gebürtig aus Graz, das Fräulein Ösi. Dort löste sie einen spektakulären Fall, der auch europaweit Interesse erzeugt hat. Die Publicity nahm man der jungen Kriminalinspektorin übel und sie wird zur Außenseiterin. Deshalb hat sie das Angebot Interpols angenommen an einem länderübergreifenden Entführungsfall mitzuhelfen. Und ist in Köln gestrandet und geblieben, wo sie beginnt, sich heimisch zu fühlen. In dem Gerichtsmediziner Harro deNärtens hat sie einen guten Freund gefunden. Trotz zahlreicher Spuren kann der Fall Moni nicht gelöst werden...

Die zweite Protagonistin ist die junge Helene, die Baden über alles liebt und sich dieser Wonne fast täglich hingibt, beobachtet vom Rentner Fritz, der sein einsames Dasein mit Spannen fristet.
An einem Abend beobachtet er Schreckliches gegenüber und verhindert einen weiteren Todesfall. Das, was er sieht, verändert Helenes und sein Leben nachhaltig und beschert Willa neue Ermittlungen, da der Fall dem Monis gleicht. Wird es der jungen Grazerin, deren Onkel Willi vor Jahren einen Mord im Affekt begangen hat, gelingen den mysteriösen Messermann zu finden?

Bewertung
Die außergewöhnliche Erzählperspektive zu Beginn des Kriminalromans hat mich neugierig gemacht und das grausame Verbrechen aus der Sicht der unbeteiligten "Seele", die ganz neutral und schmerzfrei ihren Körper betrachtet, ist so distanziert dargestellt, dass auch zart Besaitete es gut ertragen können. Die Außenperspektive tritt mehrfach im Roman auf - mit dem gleichen Effekt.
Die ehrgeizige Ermittlerin Willa Stark, eine fast klassische Einzelgängerin, ist sehr sympathisch und erfrischend. Das Team bleibt blasser, außer der Gerichtsmediziner, aber im Mittelpunkt soll neben dem Opfer die Grazerin stehen.
Die Handlungsweise Helenes nach dem Überfall ist schwer nachzuvollziehen, als langjährige Krimileserin und Tatort-Liebhaberin aber nicht unwahrscheinlich. Psychologisch lässt sich das "unvernünftige" Handeln sicherlich erklären.
Die Motive des Täters werden nur angedeutet, doch auch er bleibt als Figur glaubhaft. Das Ende ist spannend und gut konzipiert - dramaturgisch gut umgesetzt.

Eine klare Lese-Empfehlung!

Sonntag, 15. Oktober 2017

Frankfurter Buchmesse 2017

- Besuch am Freitag.

Wie im letzten Jahr traf ich mich mit Mira auf der Buchmesse. Da wir beide als Bloggerinnen eine Akquirierung erhalten hatten, wählten wir den Freitag aus, in der Hoffnung, dass es etwas ruhiger zugehen würde - was sich zumindest teilweise bestätigt hat. Auch meine Kinder sowie eine Freundin meiner Ältesten waren mit von der Partie.

Unser erster Höhepunkt war das Interview mit Klaus Cäsar Zehrer zu seinem Debütroman "Das Genie" aus dem Diogenes Verlag.
Seinen ersten Roman habe er mit 16 Jahren verfasst, verrät er. Dieser sei jedoch nur zwei Seiten lang gewesen, so dass er ihn verworfen habe. "Das Genie" ist seiner Aussage nach eine Romanbiografie und basiert auf der realen Figur William James Sidis.

Klaus Cäsar Zehrer liest aus "Das Genie"
Die Idee kam ihm, als er beim Surfen im Internet auf eine Liste der 10 intelligentesten Menschen gestoßen ist, auf dem ihm der Name Sidis ins Auge fiel. Er wollte mehr über diese Person herausfinden, der Anfangsfaden für den Roman war gesponnen.
Vor 9 Jahren hat er mit der Arbeit begonnen, die  mit immenser Rechercheleistung verbunden war. Schließlich spielt der Roman zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Zehrer gibt die wissenschaftlichen mathematischen Erkenntnisse der Zeit wieder, die heute teilweise überholt sind, so dass er in alten Lexika wälzen musste.
Sidis ist das Ergebnis eines Erziehungsexperimentes. Sein Vater, ein ukrainischen Einwanderer und Psychologe will beweisen, dass man Kinder zu intelligenten Wesen heranziehen kann. So bringt er Sidis ganz früh das Lesen bei und mit 11 Jahren besucht er bereits eine Universität. Wie bewertet man ein solches Erziehungsexperiment? Diese Frage sollen die Leser*innen selbst beantworten, Zehrer lässt sie offen.

Ann-Katrin Heger
In der kurzen Lesung vermittelt Zehrer einen ersten Eindruck des Romans, der durchaus auch humoristisch ist. Uns hat er jedenfalls überzeugt und Mira und ich haben spontan beschlossen, den Roman im Oktober gemeinsam zu lesen.

Im Anschluss blieben wir im Agora Lesezelt sitzen und hörten uns den Anfang des neuen Kriminalfalls der Drei !!! an - eine Lesung für die Kinder, die aber auch uns gefallen hat.
Ann-Katrin Heger, die Autorin von "Tanz der Herzen", vermochte es mit ihrer Stimme die Lesung spannend und interessant zu gestalten. Besonders gelungen war der Einstieg, in dem zur Musik von Schwanensee die letzte Szene der Ballettaufführung geschildert wird - sehr dramatisch.



Daniel Kehlmann mit Klaus Brinkbäumer
Danach schlenderten wir durch die Hallen, während die Kinder sich vor allem der Hobbit-Presse des Klett-Cotta-Verlages widmeten, pilgerten Mira und ich ins Spiegel-Forum, wo Daniel Kehlmann im Interview mit Klaus Brinkbäumer seinen neuen Roman "Tyll" vorstellte.

Die Sagengestalt des Till Eulenspiegel versetzt Kehlmann in den 30jährigen Krieg - ob die Person
wirklich gelebt hat? Es gibt eine Quelle aus dem 14.Jahrhundert, die dazu passt, trotzdem kann man die Frage letztlich nicht beantworten.

Zu Beginn des Romans übernimmt Kehlmann die Schelmengeschichte, in der Tyll auf einem Seil tanzt und alle Zuschauer auffordert, ihm den rechten Schuh zuzuwerfen. Damit richtet er ein heilloses Chaos an und bereitet das gewaltsame Chaos, das der Religionskrieg mit sich bringt, sozusagen vor.

Cartoon auf der Buchmesse
Die Gauklerfigur, die die Atmosphäre erträglich macht, ohne selbst eine lustige Figur zu sein.
Eine andere Funktion Tylls ist es, die verschiedenen Handlungsstränge zu verbinden. In der immobilen Gesellschaft des 17.Jahrhunderts vermag das fahrende Volk verschiedene Orte aufzusuchen und auch in Kontakt mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu treten.
Auch Kehlmann hat für seinen Roman umfangreich recherchiert. Geholfen hat ihm das einjährige Stipendium an der Public Library in New York. Dort erhielt er Zugriff auf alle Bücher und innerhalb eines Tages landeten sie auf seinem Schreibtisch. Die Erwartung vor Ort zu sein, half ihm die nötige Disziplin aufzubringen, um den Roman in recht kurzer Zeit fertigzustellen. Tauchte man drei Tage hintereinander nicht auf, wurde man freundlich kontaktiert, erzählte Kehlmann, der an New Yorker University zurzeit einen Lehrauftrag für deutsche Literatur hat. Gefragt nach Trump, erwiderte Kehlmann, dieser mache ihn wütend, gleichzeitig wecke er große Ängste.
Nach seiner Heimat befragt, nennt Kehlmann Wien, als den Ort, an dem er aufgewachsen sei. Im Moment sei es New York, da sein Sohn dort zur Schule ginge. Ein sehr interessantes Interview, das mich sehr neugierig auf den Roman gemacht hat.

Peter Wohlleben
Anschließend schauten wir uns das Gastland Frankreich an, um dann im ARD Forum, Peter Wohlleben zuzuhören, der sich mit dem Netzwerk der Natur beschäftigt hat. Er forderte dazu auf, Kinder im Wald nicht zu ermahnen, leise zu sein. Denn durch die lauten Rufe fühlte sich das Wild sicher und wisse, es könne ihm nichts passieren. Gefragt danach, welches Tier er gerne sei, gab er zur Antwort, ein Wolf. Allein das Dasein des Wolfes führe zu einer Stärkung des Waldes. Sei ein Wolf am Fluss, halten sich dort keine Hirsche mehr auf, die die jungen Bäume fressen. Das Flussufer werde befestigt, das Wasser könne mäandern und der Biber wieder ansässig werden. Mit einer Krähe würde er gerne mal einen Kaffee trinken, da sie sehr intelligente Tiere seien. Ein sympathischer Förster, der Unglaubliches aus der Natur berichtet.

Markus Heitz

Weiter ging es mit den Kindern zu Markus Heitz, der den zweiten Teil seines Fantasy-Romans Wédora vorstellte. Die Idee zu dieser fiktiven Welt stammt aus den in den 90er Jahren beliebten Rollenspielen, die er im Studium gespielt hat. Die Wédora-Welt habe er sich damals gemeinsam mit seinen Mitspielern ausgedacht und jetzt aus der Schublade gezogen. Markus Heitz plaudert mit dem Interviewer über die Protagonisten des Romans, ohne zu viel zu verraten, so dass wir alle neugierig geworden sind.

Als Fantasyliebhaber werden wir uns sicherlich in nächster Zukunft  der Wédora-Welt widmen.





Am Schluss wartete das Interview mit dem Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises: Robert Menasse, der auf die vielen auf ihn gerichteten Smartphones derart reagierte, dass er ein Foto von der Menschenmenge schoss, die gekommen war, um ihn zu sehen und zu hören.
Er erläuterte, dass er in seinem Roman das Abstraktum EU an einigen Figuren, u.a. an einem EU-Beamten veranschaulichen wollte. Dazu hat er selbst 5 Jahre in Brüssel gelebt und hinter die Kulissen der Europäischen Union geblickt. Anschaulich erzählte der gebürtige Wiener von den sogenannten Märtyrerpapieren, Entwürfe und Vorschläge für die EU-Kommission, die (fast) immer "zerrissen" werden. Am Beispiel der gescheiterten Jubiläumsfeier, die in Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Union stattfinden sollte, verdeutlicht er, dass immer noch nationale Interessen die EU bestimmen. Auschwitz als Ort, der den Nationalismus als Aggressor in grausamster Art und Weise vor Augen führt, und gleichzeitig ein Ort, an dem die Nationalität keine Rolle mehr gespielt hat.
Menasse verteidigte vehement die europäische Idee und die Notwendigkeit eines vereinigten Europas, in dem sich nationale Interessen unterordnen - ein mitreißendes politisches Statement, das spontan Beifall erhielt.

Bevor wir uns auf den Heimweg machten, trafen wir noch kurz Helmut Pöll, Autor und Initiator des Forums whatchareadin, meine Leseheimat, und Renie von Renie´s Lesetagebuch, die ebenfalls als Moderatorin im Forum mitwirkt.

Fazit: Ein freudiges Wiedersehen mit Mira und ein interessanter, spannender Besuch, der mich neugierig auf viele weitere Bücher gemacht hat, die ich noch lesen will. Auch den Mädels hat es gefallen und die Wunschliste für Weihnachten wird wohl noch um ein paar Bücher wachsen.  Nächstes Jahr kommen wir wieder!

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

- berührende Geschichte einer Frau, die an Alzheimer erkrankt.

Taschenbuch, 416 Seiten
Piper, 5. Januar 2016

Das Cover hat mich zunächst abgeschreckt, den Roman zu lesen, auch die Marienkäfer auf den einzelnen Seiten hätten mich fast das Buch wieder zuklappen lassen ;)
Doch eine gute Freundin, auf deren Meinung Verlass ist, hat mir den Roman empfohlen. Also habe ich meine Vorurteile überwunden und zu lesen begonnen.

Worum geht es?
Claire Armstrong ist Mitte 40 als sie die Diagnose Alzheimer erhält, an der schon ihr Vater verstorben ist.
Sie hat eine 20jährige Tochter Caitlin, die ihren Vater nicht kennt - eine Jugendliebe Claires - und eine dreijährige Tochter Esther gemeinsam mit Greg, ihrem Ehemann.
Kennen gelernt haben die beiden sich, während Greg ihren Dachboden ausgebaut hat, da Claire ein Schreibzimmer haben wollte.

Claire, die ihr Studium wegen der Schwangerschaft geschmissen hat, ist Lehrerin für englische Literatur an einer Schule und muss diesen Job aufgrund ihrer Krankheit aufgeben. Ihre Therapeutin rät ihr, ein Erinnerungsbuch anzulegen, in der sie ihre wichtigsten Ereignisse festhält und in das auch ihre Familienmitglieder hineinschreiben sollen.
Inzwischen ist Claires Mutter Ruth, die bereits ihren Mann an die Krankheit verloren hat, im Hause Armstrong eingezogen und passt auf Claire auf, die immer häufiger in der Vergangenheit lebt und nicht mehr weiß, wie man ein Telefon bedient, oder den Weg nach Hause nicht mehr findet.
Viel trauriger ist es jedoch, dass sie sich nicht mehr daran erinnern kann, Greg zu lieben - wie ein Fremder wirkt er in ihrer Nähe. Nur zu dem geheimnisvollen Ryan, den sie zufällig trifft, fühlt sie sich hingezogen.
Wir erleben mit, wie Claire sich verliert, aber auch, wie sie sich bemüht, ihr Leben in Ordnung zu bringen und sich entschließt Caitlin, die selbst vor großen Problemen steht, die Wahrheit über ihren Vater zu sagen.
Die parallelen Geschichten des Erinnerungsbuches gewähren Einblick in Claires Lebensgeschichte und zeichnen das Bild einer starken und selbstbestimmten Frau.


Bewertung
Der Originaltitel "The Memory Book" ist wesentlich passender als der deutsche Titel, denn in den Erinnerungen setzt sich Claires Leben wie ein Puzzle für die Leser*innen zusammen. Interessant sind die Geschichten, die die einzelnen Familienmitglieder in das Buch hineinschreiben und die ein sehr positives Bild der noch jungen Frau zeichnen, die Schritt für Schritt ihre Erinnerungen und damit auch sich selbst verliert.
Sehr detailliert schildert Claire aus der Ich-Perspektive, was in ihrem Kopf vorgeht. Situationen, in denen sie Aussetzer hat, bleiben Leerstellen und so kann man sich intensiv in ihre Verzweiflung hineinversetzten. Auch die Fremdheit, die sie inzwischen für ihren Ehemann empfindet, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar und für ihn grausam.
Trotz der ernsten Thematik ist der Roman nicht kitschig (das Cover bestätigt sich nicht) - vielleicht etwas sentimental und rührselig. Natürlich sind die Protagonisten gute, liebenswerte Menschen und sie handeln stets mit hehren Motiven.
Schiebt man das beiseite, berührt das Schicksal der jungen Frau, die weiß, dass sich ihre kleine Tochter nie an sie, so wie sie war, erinnern kann. Alzheimer ist eine Krankheit, die man normalerweise nur mit älteren Menschen in Verbindung bringt. Der Roman führt vor Augen, dass es auch relativ junge Menschen treffen kann und dass ein geringer Anteil der Erkrankungen auf eine genetische Disposition zurückzuführen ist.

"Weniger als 2% aller Fälle von Alzheimer-Krankheit werden dominant vererbt. Dies bedeutet, dass die Veränderung (Mutation) eines einzigen Gens für die Entstehung der Krankheit ausreicht und dass statistisch gesehen die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkranken."  (Quelle: Deutsche Alzheimergesellschaft)

Ein Roman, der trotz stilistischer Schwächen und einseitiger Figurenzeichnung aufzeigt, wie Vergessen erlebt werden kann und dadurch berührt.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Stefan Bachmann: Palast der Finsternis

- ein faszinierendes Labyrinth in der Tiefe, das ein ungeheures Geheimnis birgt.
Quelle: Diogenes Verlag


Taschenbuch, 400 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an Diogenes für das Leseexemplar,
hier geht es zur Buchseite des Verlages.

Vor zwei Jahren habe ich "Die Seltsamen" und "Die Wedernoch" von Stefan Bachmann gelesen. Diese Steampunk Fantasy- Romane, die am viktorianischen England orientiert sind, haben mich begeistert, so dass ich mich schon auf den neuen Roman gefreut habe.

Worum geht es?
Im Chateau du Bessancourt im Oktober 1789 fliehen die vier Mädchen des Marquis Frédéric du Bessancourt in den unterirdischen Palast, den er erschaffen hat, um den Schrecken der französischen Revolution zu entkommen. Aus der Sicht der ältesten Tochter Aurélie erfahren wir, dass die Mutter kurz vor dem Eingang in die Tiefe umkehrt und von den Aufständischen auf der Treppe erschossen wird und zurück gelassen werden muss.

"Die Wachen drängen uns voran - hinab und immer weiter hinab in die Schwärze, zu Glück, Sicherheit und ewigem Frieden, wo Vater wartet." (S.11)

Dieser Handlungsstrang verläuft parallel zu einem in der Gegenwart, in dem die 17-jährige Anouk Geneviève van Roijer-Peerenboom, die gerade ihre Familie verlässt, in der sie sich nicht wohl zu fühlen scheint, im Mittelpunkt steht und aus deren Perspektive erzählt wird.

"Das Haus wirkt riesig und leer. Marmorblass. Ich bin ein vorsätzlicher Schmutzfleck inmitten all dieser Makellosigkeit, eine Radiergummispur auf den geraden Linien. Penny hat eine Ballettaufführung. Alle sind dort." (S.13)

Sie folgt der Einladung der Familie Sapani, die sie zusammen mit vier weiteren Jugendlichen für eine Expedition in Frankreich ausgewählt hat. Sie sollen den unterirdischen Palast der Familie Bessancourt erforschen, der zufällig unter einem Schloss gefunden wurde. Am Flughafen trifft sie auf die anderen, Will, Lilly, Jules und Hayden, die sie auf Anhieb unsympathisch findet.
Anouk spricht fünf Sprachen fließend und ist anerkannte Jungakademikerin, im sozialen Umgang jedoch zynisch, unfreundlich und auf Abwehr bedacht - das scheint von ihrer schwierigen familiären Situation herzurühren, davon, dass ihre Eltern sie offensichtlich nicht lieben. Sie selbst mag nur ihre kleine Schwester Penny, von der sie Ucki genannt wird. Ein Name, mit dem Anouks sich in Reflexionen selbst anspricht.

"Vier Gelegenheiten, Freundschaft zu schließen, vermasselt. Das war´s. Bravo, Ucki, hast es mal wieder geschafft.
Es gibt Menschen, die besitzen die besondere Fähigkeit, überall unglücklich zu sein, egal wo, egal mit wem und egal warum. Vielleicht ist diese Fähigkeit aber auch nur typisch für mich." (S.50)

Im Jahr 1789 erzählt Aurélie, wie ihre Mutter im August zum ersten Mal den von ihrem Vater erbauten Palast in der Tiefe besucht und verängstigt daraus zurückkehrt. Was verbirgt sich dort unten?

Die Expedition der Gegenwart wird von einem gewissen Professor Dorf geleitet, der sie bei einem Abendessen im Schloss begrüßt. Eine Frage, die sich Anouk und auch die anderen stellen, ist die, warum gerade sie - junge Studenten und Studentinnen für diese Expedition ausgewählt wurden. Warum untersucht nicht ein wissenschaftliches Forscherteam den unterirdischen Palast, der teilweise von Wasser überflutet sein soll? Das ergibt keinen Sinn.
Die Frage stellt Anouk auch Professor Dorf, der sie jedoch nur ausweichend beantwortet und ihnen stattdessen in Aussicht stellt, im unterirdischen Palais eine umfangreiche Sammlung historischer Kunstwerke, architektonischer Wunder und Zeugnisse aus dem Zeitalter der frz. Revolution zu entdecken. Am Ende des Abendessen sollen alle eine Kapsel schlucken, angeblich gegen Mikroben und Toxine, doch Anouk bezweifelt dies und im Hinauslaufen versucht sie die Kapsel wieder auszuspuken und wird ohnmächtig.

Während im Jahr 1789 Aurélie mit ihren Schwestern im Palais ankommt und Graf Havriel, der Bruder Frédérics die Wachen zwingt, ihre tote Mutter ebenfalls nach unten zu bringen, wacht Anouk in der Gegenwart in einem Spiegelsaal auf und wird Zeuge, wie Miss Sei, Dorfs Assistentin, Hayden einen
"Tankstutzen (...). Länglich. Mit Widerhaken. Eine Silbernadel ragt am Ende hervor wie ein Stachel" (S.101)
in die Schädelbasis hineintreibt. Panisch fliehen die anderen vier und werden von behelmten Trackern verfolgt.

"Dies hier ist das Palais du Papillon. Es gibt das Palais wirklich. Es ist hier, und es hat eine sehr moderne Tresortür und neonerleuchtete Korridore. Sie haben uns angelogen, von Anfang an." (S.106)

Das Abenteuer im finsteren Palast beginnt, in dem sie viele Fallen bewältigen müssen; Perdu, der angeblich über 200 Jahre alt ist und französisch spricht, und eine geheimnisvolle Dame im roten Kleid treffen und immer wieder ein unheimliches Sirren hören. Neben Dorf, der sie suchen lässt, scheint es noch etwas anderes im Labyrinth zu geben und immer wieder stellen sich die Jugendlichen die Frage, warum sie an diesen Ort gelangt sind und ob sie ihn jemals wieder verlassen werden.

Eine Frage, die sich im Jahr 1789 auch Aurélie stellt, die von ihren Geschwistern isoliert wurde und nur Hilfe von Jacques, dem ihr zugeteilten Diener erwarten kann, der ihr Schauerliches aus dem Palast berichtet. Blutige Experimente, Menschen, die verschwinden, wer und was ist da am Werk?
Und wer ist der geheimnisvolle Schmetterlingsmann?

Bewertung
Ein echter Pageturner! Die Kapitel in den verschiedenen Zeitebenen, die inhaltlich aufeinander abgestimmt sind, enden fast immer mit einem Cliffhanger, so dass man atemlos weiter liest. Die Irrwege der Jugendlichen durch den Palast erzeugen neben klaustrophobischen Momenten immense Spannung. Die Frage, zu welchem Zweck diese Außenseiter, die sich allmählich anfreunden, in den Palast der Finsternis gelockt wurden und warum sie von Dorf so verzweifelt gesucht werden, schwebt immer im Raum und sorgt für zusätzliche Dynamik.

Lange bleibt in der Schwebe, ob es "nur" ein Abenteuer- oder doch ein Fantasyroman ist - bis sich herausstellt, dass wir es mit Science Fiction in der wörtlichen Bedeutung zu tun haben. Eine wissenschaftliche Fiktion - ein Experiment, das 1789 geglückt ist und bis in die Gegenwart andauert - so viel sei verraten.
Obwohl die dahinter stehende Ideen nicht neu sind, arrangiert sie Bachmann so, dass alle Puzzleteile perfekt zusammenfallen und alle Fragen beantwortet werden - auch die nach Anouks unglücklichen Familienverhältnissen.
Am Ende hätte es für meinen Geschmack etwas weniger actionreich zugehen können, bis zur "Lösung" vollbringt eine der Jugendlichen fast Unmögliches - nun gut, das kann man verkraften. Die Botschaft am Ende fällt klar und deutlich aus - vielleicht etwas zu plakativ.

Sehr unterhaltsam ist auf jeden Fall Anouks Perspektive. Ihre zynisches Art und ihre selbstkritischen und sarkastischen eingestreuten Kommentare und Gedanken sind teilweise witzig und legen Zeugnis ab von einem Kind, das nicht gesehen worden ist. Sehr authentisch wirken die Dialoge zwischen den Jugendlichen, die sich in diesem finsteren Palast, dessen Architektur und Ausgestaltung Bachmann virtuos komponiert hat, weiterentwickeln - psychisch und in ihren Beziehungen zueinander.

Klare Leseempfehlung!