Freitag, 29. Dezember 2017

John Fante: Der Weg nach Los Angeles

- provokant, unzensiert, ungeschliffen.

Leserunde bei whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 268 Seiten
Blumenbar, 4. Dezember 2017


Der erste Roman John Fantes fand zu Lebzeiten keinen Verleger. Geschrieben hat er es im Jahr 1935/36 im Alter von 25 Jahren und er hat den ersten Teil nochmals überarbeitet und stark gekürzt.
Nach seiner Wiederentdeckung zu Beginn der 1980er verstarb Fante, so dass er seinen späten Ruhm nicht mehr erleben konnte. Seine Frau erinnerte sich dann an das vergessene Romanmanuskript "Der Weg nach Los Angeles", überließ es dem neuen Verleger weiter, der es dann praktisch unlektoriert in Druck gab, ersetzte jedoch die ersten Kapitel durch die kürzere Version.

Aufgrund des fehlenden Lektorarts wirkt der Text, wie der Übersetzer Alex Capus bemerkt

"ungeschlacht, ungeschliffen und unpräpariert, weil er eben nie die Knochenmühle eines professionellen Lektorats durchlaufen musste." (S.246)

Gleichzeitig erklären sich dadurch die zahlreichen Wiederholungen und auch Fehler, die der Übersetzer teilweise geglättet hat.

Worum geht es?
Der 18-jährige Arturo Bandini - Italo-Amerikaner - lebt nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter und zwei Jahre jüngeren Schwester in einer kleinen Wohnung in einem Vorort von Los Angeles.

"Sowie ich den Türknauf in die Hand nahm, sank meine Stimmung auf den Tiefpunkt. Dieses Gefühl hatte ich beim Heimkommen schon immer gehabt, sogar damals schon, als mein Vater noch lebte und wir in einem richtigen Haus wohnten. Ich hatte schon immer weggehen oder alles verändern wollen, und schon immer hatte ich mir vorzustellen versucht, wie das wohl wäre, wenn alles anders wäre. Aber was ich hätte tun kommen, damit sich etwas änderte, wusste ich nicht." (S.17)

Obwohl es sich zum Schriftsteller berufen fühlt, Nietzsche und Schopenhauer liest, muss er für den Lebensunterhalt der kleinen Familie sorgen. Nach einigen erfolglosen Versuchen verschafft ihm sein Onkel einen Job in einer stinkenden Fischfabrik.
Erzählt wird der Roman ausschließlich aus der Ich-Perspektive des jungen, pubertären Mannes, der einen Halt im Leben sucht und seine Identität noch nicht gefunden hat.
Provokant, roh und ungeschliffen sind seine Gedanken, brutal zerstört und quält er Insekten, fühlt sich allmächtig, dann wieder hilflos und verzweifelt. Starke Gefühlsschwankungen kennzeichnen seinen Gedankenfluss, Beschimpfungen gegenüber Mutter und Schwester sind an der Tagesordnung.

"Ich stieg auf das Sofa und schrie: "Ich lehne die Gotteshypothese ab! Nieder mit der Dekadenz betrügerischen Christentums! Religion ist Opium für das Volk! Alles, was wir sind oder jemals zu werden hoffen, verdanken wir dem Teufel und seinen verbotenen Früchten!" (S.28)

Solche literarischen Bezüge finden sich viele im Roman und zeugen davon, dass sich Arturo überlegen fühlt, sich über seine Mutter und Schwester erheben will.

In der Wohnung hat er sein Studierzimmer in einem Kleiderschrank, dort bewahrt er Bilder von Frauen aus Zeitschriften auf und gibt sich sexuellen Fantasien hin. Immer wieder steht das Beherrschen im Vordergrund, das Erniedrigen anderer, obwohl er selbst als Kind wegen seiner italienischen Herkunft gedemütigt wurde.

"Ich war vielleicht zehn Jahre alt gewesen und hatte dem Mädchen ein Eis kaufen wollen, und sie hatte gesagt, sie dürfe von mir nichts annehmen, weil ich ein Spaghettifresser sei und ihre Mutter ihr verboten haben, sich mit Spaghettifressern einzulassen. Ich wusste also, wie sich das anfühlte. Ich beschloss, dem Filipino noch einen oben drauf zu geben." (S.93)

In der Leserunde kam die Vermutung auf, der Protagonist leide an einer narzissistischen Persönlichkeitsstörung, das würde einige seiner Verhaltensweisen erklären. Ab und an überkommen ihn aber auch Zweifel an seiner Person, die jedoch nie lange vorhalten.

"Es ist Morgen, Zeit, aufzustehen. Also steh auf, Arturo, und such dir Arbeit. Geh raus und such, was du nie finden wirst. Du bist ein Dieb und ein Krabbenmörder, und du liebst Frauen in Kleiderschränken. Einer wie du findet niemals einen Job!" (S.55)

"Hör auf mit dem Quatsch!, sagte der Teil von mir, der für die Antworten zuständig war. So ist es nicht gewesen, du Trottel! Du allein bist schuld! Hör auf, die Verantwortung anderen Leuten in die Schuhe zu schieben!" (S.104)

Nach einer nächtlichen Begegnung mit einer unbekannten Frau beginnt er endlich zu schreiben. Doch sein erster Roman, der die amourösen Abenteuer des Protagonisten beschreibt, ist missraten. Das Urteil seiner Schwester ist vernichtend, aber durchaus zutreffend, wie er selbst erkennen muss:

"Es ist nicht nur doof, es ist auch klugscheißerisch. Die vielen großen Wörter!" (S.206)

Arturo kommt zu der Überzeugung, dass er in dieser Umgebung keine Entwicklung durchlaufen kann und macht sich auf den Weg nach Los Angeles

Bewertung
In der Leserunde herrschte die einhellige Meinung, dass dieser Protagonist extrem unsympathisch ist und mit seinem Verhalten Abscheu und Ablehnung hervorruft. Der Roman zeigt die Suche dieses pubertären Mannes nach einer Identität, wobei seine sadistischen Neigungen meines Erachtens schon grenzwertig sind.
Insofern ist dieses Erstlingswerk tatsächlich provokativ und ungeschliffen. Die sexuellen Fantasien werden ungefiltert wiedergegeben, die vulgären Beschimpfungen gegenüber der Mutter und Schwester nicht zensiert.
Doch auch "schöne" Sätze und Sequenzen sind zu lesen und zeigen, dass Fante durchaus über einen guten Stil verfügt.

"Draußen an der frischen Luft fühlte ich mich noch schlechter, dann die Nacht war weder ätherisch noch prachtvoll, sondern kalt und neblig, und die Straßenlampen blakten diesig im bleichen Dunst."(S.13)

Witzig ist der kurze Auszug aus Bandinis Manuskript, das in schwülstigen Worten schwelgt und grauenvoll zu lesen ist.

Insgesamt hat mich der Roman aber nicht überzeugen können - im Gegensatz zu "1933 war ein schlimmes Jahr". Zu abstoßend ist der Protagonist, der sich in seinen Gedanken immer wieder im Kreis dreht. Die erhoffte positive Entwicklung bleibt aus, wahrscheinlich erfolgt sie auf dem Weg nach Los Angeles. Zumindest eröffnet der Roman einen Einblick in die Gefühlswelt des selbstverliebten Jungen und zeigt die Arbeitsbedingungen Mitte der 30er Jahre am Beispiel der Fischfabrik - insofern ist es auch ein Zeitdokument.

"Fante erzählt mit so viel Liebe und Humor, dass man seine Figuren sofort ins Herz schließt."
Martin Becker (Deutschlandfunk)
(auf der Buchrückseite)

Dieser Einschätzung möchte ich vehement widersprechen und ich kann sie ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Statt ihn ins Herz zu schließen, wünscht man sich, dem größenwahnsinnigen Bandini möge jemand die Grenzen aufzeigen. Vielleicht erscheint er ja in den vier anderen Romanen Fantes, in denen er ebenfalls Protagonist ist, sympathischer.



Donnerstag, 28. Dezember 2017

Lesejahr 2017

- Lesefreundinnen, Leserunden, Leseexemplare.

Ich finde es immer sehr schwierig, das Lese-Highlight des letzten Jahres festzulegen. Es gab wie jedes Jahr viele gute Bücher, von denen einige einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Wenn ich die Titel des letzten Jahres Revue passieren lassen, fallen mir mehrere ein, die ich richtig gut fand. Daher möchte ich auch keinen einzelnen Roman hervorheben, sondern einige vorstellen, die für mich in diesem Jahr eine besondere Bedeutung hatten - und das aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Im Gegensatz zu meinen Blogbeiträgen, die, wie Lesefreundinnen mir rückmelden, eher sachlich orientiert sind, wird es dieser Beitrag ein subjektiv gefärbter Rückblick. Wer mehr über den Inhalt der einzelnen Romane erfahren will, kann gerne die einzelnen Posts dazu lesen....


Der Roman, der mich definitiv in diesem Jahr am meisten beschäftigt hat, ist Paul Austers "4321", den ich gemeinsam mit meiner lieben Freundin Mira gelesen habe. Die ausgetauschten Sprachnachrichten während der Lektüre dürften in die Hunderte gehen. Immer wieder haben wir uns über die vier verschiedenen Lebenswege von Archie Ferguson ausgetauscht, die Stationen verglichen, den Überblick verloren, Bäume gezeichnet und uns überlegt, was es mit dem Titel auf sich hat. Ein Rätsel, das glücklicherweise am Ende aufgelöst wird.



Als sehr strukturierte Leserin war dieser Roman eine besondere Herausforderung für mich, da ich mich bemüht habe, die vier möglichen Lebenswege, die Auster für seinen Protagonisten erfindet, auseinander zu halten. Trotz einiger Längen kann ich die Kritik an dem Roman nicht nachvollziehen, ich fand ihn einfach großartig und hätte Archies Geschichte auch noch weiter verfolgen können. Am Schluss fügt sich alles zusammen und man hat einiges über die amerikanische Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt.

Insgesamt haben Mira und ich im letzten Jahr 10 Romane gemeinsam gelesen, "Tyll" erwartet uns zum Jahreswechsel.

Ein große Überraschung in diesem Jahr war das Hörbuch "Schuld und Sühne", über das ich tatsächlich mal nicht geschrieben habe - nur in meinem Lesetagebuch bei whachtareadin und im Austausch mit Literaturhexle, die ich in diesem Jahr ebenfalls im Forum kennen gelernt habe.
Ein persönliches Treffen steht noch aus, aber lange Telefonate haben wir schon geführt ;)
Mit ihr habe ich eine weitere Lesefreundin gefunden, mit der ich mich austausche und die bereit ist, mit mir die Klassiker zu hören, die ich immer schon mal lesen wollte. Wie eben "Schuld und Sühne" und im Dezember Madame Bovary, zu der sie freundlicherweise eine Gastrezension beigetragen hat. Auch im kommenden Jahr steht der erste Klassiker schon fest: Mansfield Park von Jane Austen.


Der Pageturner in diesem Jahr ist der Roman "Palast der Finsternis" von Stefan Bachmann, dessen Steampunk-Fantasy Romane  "Die Seltsamen" und "Die Wedernoch" mich bereits im letzten Jahr begeistert haben. Die Geschichte erzeugt beim Lesen einen Sog, so dass man einerseits kurz vor der französischen Revolution gemeinsam mit Aurélie in einen unterirdischen Palast gezogen wird, den ein Adliger zu seinem persönliches Schutz und für wissenschaftliche Experimente erbaut hat. Andererseits erforscht man diesen düsteren Palast mit Anouk und vier weiteren Jugendlichen in der Gegenwart, die das Geheimnis des Palastes in einer atemberaubenden Jagd in der Tiefe lüften. Extrem spannend. Ich war so begeistert, dass ich meine Tochter (14) genötigt habe, den Roman zu lesen, die ihn direkt an ihre Freundin weiter gegeben hat, dann noch an einen lesebegeisterten Freund - so sollte das sein ;)

Mit meiner jüngsten Tochter habe ich dagegen einen Kinderbuchklassiker in diesem Jahr gelesen, der uns wegen seiner Ruhe fasziniert hat: Der geheime Garten von Frances Hodgson Burnett, der ohne magischen Kräfte auskommt, aber mit dem Zauber der Natur verführt. Eine wunderschöne Geschichte, die sich gut zum Vorlesen eignet und die erstaunliche Wandlung eines jungen Mädchens zeigt - von einer verwöhnten, störrischen Göre zu einer liebenswerten, hilfsbereiten Freundin.




Allerdings habe ich in diesem Jahr nicht nur mit Lese-Freundinnen und Kindern gelesen, sondern auch wieder an zehn großen Leserunden bei whachtareadin teilgenommen. Durch den gegenseitigen Austausch ist die Lektüre viel intensiver und manche Diskussionen führen zu neuem Verständnis, so auch beim Roman "Die See" von John Banville, dessen Sprache mich schlichtweg umgehauen hat. Ich hätte Hunderte Sätze herausschreiben können, in der Metaphorik schwelgen können - definitiv das sprachliche Highlight in diesem Jahr.


"An der See besteht alles aus schmalen Waagerechten, die ganze Welt reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Erde und Himmel gezwängte Linien." (S.14)

Inhaltlich tauchen wir in die Gedanken des Schriftstellers Max ein, dessen Frau gerade verstorben ist. Am Ort, an dem er in der Kindheit immer seine Ferien verbracht hat, überfluten ihn die Erinnerungen an längst Vergangenes, aber auch an kürzlich Geschehenes. Der ambivalente Charakter des Protagonisten, der auf der Suche nach seiner Identität ist, hat für viel Diskussionsstoff gesorgt.

Steht dieser Roman exemplarisch dafür, dass ich mich im letzten Jahr verstärkt den englischen und amerikanischen Autoren zugewandt habe, wie McEwan, Auster, Boyle, Graham Greene, R.Bradbury, so lese ich immer noch gerne Kriminalromane. Und da gibt es viele, die mich in diesem Jahr überzeugt haben - jeder auf seine Weise. Wie Isabella Archan mit ihren komischen Krimis, obwohl ich die eigentlich sonst nicht mag, oder Friedrich Ani, mit seinem stillen und ruhigen Roman "Ermordung des Glücks" sowie Tana French, deren Sprache mich ebenfalls begeistert und der es mit ihren psychologischen Krimis immer wieder gelingt eine dichte, intensive Atomsphäre zu schaffen, die einen beim Lesen ins Geschehen hineinzieht.

Und dann gibt es doch einen Roman, der mich zutiefst berührt hat: "Unsere Seelen bei Nacht" von Kent Haruf, den ich nach dem Lesen ganz oft verschenkt habe.
Ein wunderbares Buch, in dem eine ältere Dame, Witwe, ihrem Nachbarn, ebenfalls alt und verwitwet, den Vorschlag unterbreitet, nachts in ihr Bett zu kommen - zum Reden, damit sie beide nicht allein sein müssen. Die Einsamkeit im Alter ist ein großes Tabu in unserer Gesellschaft und dementsprechend fallen die Reaktionen in der Kleinstadt aus. Der Mut dieser beiden sich dem zu widersetzen ist großartig. Dass sie dann vorläufig am Einspruch ihrer Kinder scheitern, tragisch. Für mich eines der besten Bücher im letzten Jahr - ein besonderer Liebesroman, der die Seele berührt.


Meinem Blog-Namen bin ich auch im Jahr 2017 treu geblieben, allerdings hat sich der Fokus etwas verschoben. Der Fantasy-Anteil ist geringer, die amerikanischen und englischen Autoren sind stärker vertreten, ebenso die Klassiker. Mal sehen, was mich im nächsten Jahr erwartet.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Tom Hillenbrand: Gefährliche Empfehlungen

- ein kulinarischer Kriminalroman.

Taschenbuch, 416 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 12. Januar 2017

Es ist bereits der fünfte Kriminalfall, den der luxemburgische Koch Xavier Kieffer löst und in dem er einerseits mit seinem kriminalistischen Gespür und andererseits mit seinen Kochkünsten überzeugt.
Als Nord-Saarländerin haben die Geschichten für mich, die im benachbarten Luxemburg spielen, einen besonderen Charme, da ich die beschriebenen Lokalitäten teilweise kenne. Trotzdem sind die Krimis nicht provinziell, dafür sorgen die vielen Reisen des Kochs, nicht zuletzt nach Paris, wo seine Lebensgefährtin, Valérie Gabin lebt, die Chefredakteurin des berühmten Guide Gabin (= Guide Michelin), dessen Ausgabe von 1939 im Mittelpunkt dieses Kriminalfalls steht.

Worum geht es?
Zur Eröffnung des neuen Redaktionsgebäudes den Guide Gabin sind alle Größen der französischen Küche geladen, sogar der Präsident will erscheinen, da er ein Freund der Chefredakteurin Valérie Gabin ist. Kurz vor der Eröffnung sieht sich Xavier die Ausstellung aller erschienenen Guide Gabin an, auch der sehr seltene 1939 veröffentlichte ist vertreten. Ein Ausgabe, die nach der Besetzung Frankreichs ihre Aussagekraft verloren hat. Doch während der Feier kommt es zu einem Stromausfall und der Guide Gabin von 1939, eine Leihgabe der französischen Nationalbibliothek, wird gestohlen, der Bibliothekar Yves Brennan ermordet, während Kieffer ihn aufsucht. Glücklicherweise wird der Koch aber nur niedergeschlagen. Brennans letzte Worte lauten:

"Hören Sie mir zu! 1313. Darüber die es verteilt. Sie...1313 Ooes...Ooesses..." (S.58)

Parallel zur Handlung der Gegenwart wird die Geschichte des amerikanischen Capitain John Fisher kurz vor Kriegsende im Jahr 1944 erzählt. Die Alliierten haben große Teile Frankreichs bereits befreit und stoßen nach Deutschland vor. Fisher gehört zum amerikanischen Geheimdienst (OSS) und erhält verschlüsselte Nachrichten aus dem Radio. Zunächst von der BBC, dann von einem luxemburgischen Sender. Bei der Decodierung der Nachrichten spielt der Guide Gabin von 1939 eine entscheidende Rolle.

Währenddessen macht sich Xavier Kieffer auf Wunsch des französischen Staatspräsidenten in der Gegenwart auf die Suche nach eben jener Ausgabe und stellt fest, dass jemand großes Interesse daran hat, alle verbliebenen Bände aus dem Verkehr zu ziehen. Welches Geheimnis birgt dieser Guide, der die Sternstunden französischer Küche beschreibt? Zu welchem Ort wird er Fisher kurz vor Kriegsende führen? Wie hängen beide Handlungen zusammen?

Bewertung
Ein sehr spannender Krimi, der mit einer interessanten und teilweise unerwarteten Lösung aufwartet. Darüber hinaus bietet er einen Ausflug in die Geschichte der französischen Kochkunst, die Entwicklung von "Butter, Butter und noch mehr Butter" hin zur Nouvelle Cuisine und der Zuwendung zur lokalen Küche, zu der Xavier Kieffer mit seinem Restaurant "Deux églises" maßgeblich beiträgt. Eine Fülle von Speisen erscheinen vor den Augen der Lesenden - man sollte den Roman nicht hungrig lesen, das Küchenlatein im Anhang gibt Aufschluss zu manch ungewöhnlicher Speise und Anregungen demnächst mal wieder in Luxemburg essen zu gehen.
Während der zweite und dritte Band der Reihe von der Geschichte her etwas schwächelten, haben mich die letzten beiden und vor allem dieser neue Fall von Kieffer überzeugt, so dass ich dem Koch aus dem Nachbarland auch in Zukunft die Treue halten werde.

Freitag, 22. Dezember 2017

Ysra Sigurdardóttir: Geisterfjord

- ein echter Gruselkrimi.

Taschenbuch, 368 Seiten
Fischer Taschenbuch, 9. September 2011

In isländischen Krimis gibt es oft Geheimnisvolles, Mystisches und rational nicht zu Erklärendes, was ihren besonderen Reiz ausmacht. Das sollte man mögen, wenn man sich an den Thriller der Isländerin heranwagt.

Worum geht es?
Das Ehepaar Katrín und Gardar und deren Freundin Líf haben ein Haus in dem verlassenen Dorf Hesteyri gekauft. Ursprünglich war es der Plan von Gardar und Einar, Lífs plötzlich verstorbenem Mann, das Haus zu renovieren, um es in der Sommer- und Wandersaison als Gästehaus zu vermieten. Der Kapitän, der sie über den Fjord bringt, deutet an, dass das Haus ein dunkles Geheimnis birgt und nach ein paar Tagen rückt Gardar mit der Sprache heraus. Der Vorbesitzer ist vor drei Jahren einfach verschwunden, nicht mehr auffindbar.

Zeitgleich verwüstet jemand in Isafjördur (am anderen Ende des Fjords) einen Kindergarten und hinterlässt die Botschaft "Schmutzig". Die Kommissarin Dagný konsultiert den ortsansässigen Arzt und Psychiater Freyr, der getrennt von seiner Frau lebt, aber auch keinen Hinweis auf den Tatverdächtigen geben kann. Er erfährt jedoch von einem seiner Patienten, einem alten Lehrer, dass auch die Schule vor 60 Jahren ähnlich verwüstet wurde - mit der gleichen Botschaft. Und es stellt sich heraus, dass damals ein Junge, Bernost, spurlos verschwunden ist.
Halla, eine Frau, die unmittelbar nach der Verwüstung des Kindergartens tot in einer Kirche aufgefunden wird - offenkundig ein Selbstmord - hat den Jungen gekannt, gemeinsam waren sie in der Schule. Ihr Gesicht war auf dem Klassenfoto, wie das einiger anderer, unkenntlich gemacht worden. Auch Freyrs Sohn ist verschwunden, ebenfalls spurlos - drei Jahre zuvor während er mit seinen Freunden Versteck gespielt hat. Zufall, dass Halla in ihrem Abschiedsbrief schreibt, sie müsse beide Jungen finden?
Während sich Freyr und Dagný in den alten Fall vertiefen, sieht Katrín einen dunklen Schatten um das Haus herumgeistern. In der Küche gibt ein dunkles Viereck auf dem Boden den neuen Bewohnern Rätsel auf. Wer spukt im Haus? Werden die Jungen gefunden werden und ihre Seelen Ruhe finden?

Bewertung
Ein echter Pageturner mit Gänsehaut-Garantie. Mehrmals hat mir beim Lesen laut das Herz geklopft und ich musste den Impuls unterdrücken nachzusehen, ob die Tür auch zugesperrt ist ;)

Im Ernst, ein extrem spannender Thriller, dessen Kapitel immer mit einem Cliffhanger enden. Da abwechselnd von den drei Freunden und Freyr erzählt wird, ist man förmlich gezwungen weiterzulesen.
Das Mysteriöse wird nicht vollständig aufgeklärt, einiges löst sich und manche Puzzleteile fallen an den richtigen Platz. Doch gerade das Ende ist rätselhaft und lässt viel Spielraum für Fantasie.
Aber dieses Unerklärliche passt in ein Land, in dem die Bewohner auch heute noch an Trolle, Elfen und Gnome glauben und erinnert ein wenig an die Thriller von Stephen King.
Atemloses Lesen und Spannung pur - definitiv nicht der letzte Krimi, den ich von der Autorin gelesen habe.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Gustave Flaubert: Madame Bovary

- ein Sittenbild aus der Provinz.

Gastbeitrag von Sabine

Kathedrale Rouen (Quelle: pixabay)
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Brückner
14 Stunden und 4 Minuten
ungekürztes Hörbuch





Madame Bovary geistert namentlich durch die Gazetten, durch die Literatur und der „Bovarysmus“ ist eine feststehende Größe in Psychologie/Philosophie. Genau dieser Tatsache ist es geschuldet, dass Tina und ich uns an die gemeinsame (Hör-)Lektüre dieses Werkes der klassischen französischen Literatur machten. Erstmals erschienen ist der Roman 1856, der den Untertitel „Sittenbild aus der Provinz“ trägt. Aufgrund seiner neuartigen und für die Zeit überraschend offenherzigen Erzählweise wurde der Autor von Zeitgenossen angegangen, musste sich sogar vor Gericht verantworten.

Worum geht es?
Der Roman setzt in der Kindheit von Charles Bovary ein. Er kommt aus wenig begütertem Hause, ist ein mäßig fleißiger Schüler und wird von seiner Mutter einerseits geliebt, andererseits aber auch stark dominiert. Sie ist es, die ihn zum Medizinstudium drängt, dessen Examen er mit 5 Jahren Verspätung ablegt. Sie zwingt ihn in seine erste Ehe mit einer deutlich älteren und verknöcherten Witwe, von der sie sich einigen Wohlstand erhofft. Diese Verbindung ist für den jungen Mann ein Desaster, da er kontrolliert und bevormundet wird. Kurz nachdem er Emma durch die Behandlung ihres Vaters kennenlernt, verstirbt seine Frau. Er hält um Emmas Hand an, nach Ende der Trauerzeit findet die Hochzeit statt.
Charles strotzt vor romantischen Gefühlen seiner Frau gegenüber, er vergöttert sie und vertraut ihr blind. Emma indes liest mit Vorliebe romantische Romane und möchte aus ihrer Welt ausbrechen. Sie hat sich durch die Heirat einen gesellschaftlichen Aufstieg erhofft, der an der Seite dieses bescheidenen Landarztes ausbleibt, so dass ihre Unzufriedenheit wächst. Als das Paar für ein Wochenende auf das Schloss eines Marquis eingeladen wird und Emma diese völlig neue Lebensart entdeckt, wird ihr die Diskrepanz zu ihrem eigenen Leben überdeutlich, ihre Unzufriedenheit steigt und sie träumt von einem Mann, der sie liebt und “errettet“.
Sie freundet sich mit dem Kanzlisten León an, mit dem sie die Liebe zu Literatur und Musik verbindet. Diese Beziehung bleibt zunächst platonisch. Gefährlicher wird es mit Rodolphe, einem Nachbarn aus niederem Adel: Schnell entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Während er Emma zunächst nur als bequeme, gefahrlose Eroberung sieht, stürzt sie sich kopfüber ins Abenteuer, vernachlässigt ihre mütterlichen Pflichten, kauft teure Geschenke und verschuldet sich zusehends. Höhen und Tiefen prägen die Beziehung. Kurz bevor beide zusammen mit Emmas Tochter Berthe durchbrennen können, kommen Rudolphe Zweifel und er beendet die Verbindung. Emma befällt erneut tiefe Unzufriedenheit, die sie ihrer Umwelt gegenüber völlig unleidlich macht. Charles liebt sie durchgängig hingebungsvoll, pflegt sie, wechselt für sie sogar den Wohnort, und obwohl sie ihn zunehmend ablehnt, ahnt er nichts von ihrem Doppelleben.
Als Leser wird klar, dass dies kein gutes Ende nehmen kann. Rodolphe wird nicht Emmas einziger Liebhaber bleiben. Emma hat eine Spirale in Gang gesetzt, die Armut und Verderben über die Familie bringen wird. Charles nimmt keinen Ratschlag aus seinem Umfeld an. Am Ende landet Tochter Berthe elternlos in einer Baumwollspinnerei. Das ist die bittere Tragik, dass die Höhenflüge der Mutter die Tochter in Armut stürzen, denn sie wird in der Fabrik schuften müssen, während ihre Mutter zu Lebzeiten im Grunde keinerlei Pflichten hatte und dennoch mit ihrem Leben vollkommen unzufrieden war. Ironie des Schicksals?

Bewertung
Zahlreiche interessante Charaktere bevölkern den Roman und machen ihn eben zum Sittenbild aus der Provinz. Vieles erfährt man über das Leben und die Gesellschaft in der französischen Kleinstadt.
Das Hörbuch wird absolut beeindruckend von Christian Brückner gelesen. Seine Stimme machte es zu einem absoluten Hörgenuss. Tina und ich sind überzeugt, dass wir beim normalen Lesen sicher die ein oder andere Länge empfunden hätten, beim Hören blieb uns das erspart.
Vergleicht man Madame Bovary mit Fontanes „Effi Briest“, einem Werk, das immerhin 40 Jahre später erschien, wird man in der Tat feststellen, dass hier in diesem Roman der Ehebruch nicht nur mit vagen Andeutungen, sondern recht deutlich dargestellt wird. Das Paar plant raffiniert seine Treffen, wird immer waghalsiger, geht auch in der Öffentlichkeit recht vertraut miteinander um.
Sympathien hat man nicht mit Emma, zu hausgemacht erscheinen ihre Probleme, sie übernimmt keine Verantwortung für ihr Tun. Vielleicht würde man sie heute als depressiv bezeichnen?
Tina und ich haben einen weiteren Klassiker via Hörbuch kennengelernt und es wird gewiss nicht der letzte bleiben. Wir empfehlen dieses Hörbuch voll und ganz.



Samstag, 16. Dezember 2017

Claudia Jeep: Die Suche des Weihnachtsmanns

nach dem kleinen Glück, das man nicht kaufen kann.

Taschenbuch, Seiten 129 Seiten
Verrai Verlag, Oktober 2017

Die Geschichte wurde mir vom Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Obwohl ich eine vehemente Verfechterin des Christkindes bin und in der Regel Geschichten über den Weihnachtsmann meide, hat mich der Klappentext angesprochen, so dass ich mich entschieden habe, dieses Mal eine Ausnahme zu machen.

Worum geht es?
Stella hat eine besondere Gabe, sie kann Menschen so zuhören, dass sie sich öffnen, genauso wie der Gewürzhändler Sebastian, der magische Gewürzmischungen auf dem Weihnachtsmarkt vor Stellas Wohnung verkauft.
Was wäre, wenn die beiden sich kennen lernen, aufeinander treffen und zueinander fänden?
Da kommt Richard ins Spiel, ein älterer Herr, der bei Sebastian das Gewürz "Weihnachtszauber" verlangt und Stella im ethnologischen Institut, in dem sie arbeitet und gerade eine Weihnachtsausstellung betreut, besucht. Eine besondere Magie scheint von ihm auszugehen, die auch Rose spürt, als er ihre Teestube besucht.
Roses Teestube ist auch ein Lieblingsort Stellas, beide Frauen sind befreundet, und auch der Junge Noel, dessen alleinerziehender Vater immer lange arbeiten muss, hält sich oft darin auf und hat Rose zu seiner Ersatz-Großmutter auserkoren.
All diese Menschen sind auf der Suche nach einem gemeinschaftlichem Glück und Richard, den stets ein Eichhörnchen begleitet, hilft ein wenig nach. Dabei ist er selbst auf der Suche nach einer neuen Aufgabe und dieses Mal ist es Stella, die ihm neue Wege eröffnet.

Bewertung
"Manchmal verlieren wir etwas und müssen wieder neu auf die Suche gehen. Manchmal wissen wir auch gar nicht genau, was wir eigentlich suchen. Wir ahnen nur, dass es etwas sehr Bedeutendes gibt, das uns fehlt. Dann müssen wir losgehen und hoffen, dass unser Ziel irgendwann auf dem Weg vor uns auftauchen wird." (S.93)

Die Geschichte von der Suche des Weihnachtsmannes ist eine zauberhafte Erzählung, die - auch wenn sie nicht auf den Ursprung des Weihnachtsfestes eingeht, sondern sich des populären Weihnachtsmannes bedient - zeigen will, wie wichtig familiärer und freundschaftlicher Zusammenhalt sind. Wichtiger als alle Konsumgüter, die wir kaufen können und die nur kurzfristiges Glück bescheren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger will die Geschichte vermitteln. Die weihnachtliche Botschaft ist dabei originell und unterhaltsam verpackt.

Die ideale Lektüre für einen Adventssonntag auf dem Sofa oder vor dem Kamin und draußen schneit es.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

J.Paul Henderson: Der Vater, der vom Himmel fiel

und seine Familie retten will.
Quelle: Diogenes


Hardcover, 352 Seiten
Diogenes, 23.August 2017

Den Roman habe ich erfreulicherweise in einer Verlosung bei whatchareadin gewonnen, hier geht es zur Buchseite des Verlages.


Worum geht es?
Lyle Bowman stirbt am 16. Juni 2012, weil er versehentlich ein Glas Terpentin statt seinem Antibiotikum in Wasser aufgelöst getrunken hat. Benommen wankt er über die Straße und wird überfahren.
Auf seiner Beerdigung finden sich nur wenige Menschen ein. Darunter sein ältester Sohn Billy, dessen pferdegesichtige Frau Jean und ihre 6-jährige Tochter Katy, sein eigenwilliger Bruder Frank sowie einige Nachbarn. Der Reverend hat Mühe etwas über den Verstorbenen zu sagen, der ein ruhiges Witwerdasein geführt hat, da seine 20 Jahre jüngere Frau Mary nach nur 13 Jahren verstorben ist. Als die Beerdigung fast vorüber ist, taucht noch jemand auf:

"Der Mann war groß und sonnengebräunt, hatte lange blonde Haare, trug Bermudashorts, ein Hawaiihemd und eben Flip-Flops. (...) Billy drehte sich um. Er lächelte. "Das ist dein Onkel Greg! Ich hab ja gesagt, dass er diesmal kommt." Es war das erste Mal seit sieben Jahren, dass sich die beiden Brüder wiedersahen." (S.19)

Der Streit war um das Streichen einer Regenrinne entbrannt und gipfelte in Billys Ausspruch:

"Immer weißt du alles besser." Und musst immer einen Schritt zu weit gehen!" (S.43)

Greg lehrt in Texas Geschichte an der Universität und sein Gepäck ist beim Flug verloren gegangen - daher das Hawaiihemd. So muss er bei seinem Bruder, der nach einigen beruflichen Stationen inzwischen bei einem Verlag arbeitet, übernachten, obwohl dessen Frau Greg abgrundtief hasst. Kein Wunder, hat er doch auf der Hochzeit unter Einfluss von Magic Mushrooms kurz vor dem Ehegelöbnis gerufen:

"JEAN IST EIN VAMPIR" (S.50)

Eine Kränkung, die nur sehr schwer wieder gut zu machen ist und das Verhältnis der Bruder zusätzlich belastet. Zusammen mit der Tatsache,

  • dass Greg nicht in der Lage ist eine verbindliche Beziehung einzugehen
- "Der Anfang vom Ende war für Greg immer gekommen, sobald die aktuelle Freundin über eine eventuelle gemeinsame Zukunft sprechen wollte. Jedes Mal kam Greg dann zu der Erkenntnis, dass es ihm im emotionalen Nichtschwimmerbecken doch besser gefiel, wo man sich lediglich körperlich aufeinander einließ und Verantwortung nur theoretisch existierte." (S.73) -

  • dass Onkel Frank sich ständig der Polizei stellt, um Straftaten zu gestehen, die er definitiv nicht begangen hat,
  • dass Billy unter einer ungewöhnlichen Phobie leidet.
sieht das nach einer Familie aus, die Hilfe benötigt.

Diese eilt in Form des geisterhaften Lyle Bowmans herbei, der nach einem Verwaltungsfehler in der Übergangsstation zum Himmel für 20 Tage auf die Erde zurückkehren darf. Allerdings mit der Einschränkung an einem Ort zu bleiben und sich nur einer Person zu zeigen. Er wählt sein eigenes Haus, da er davon ausgeht, dass sein jüngster Sohn sich bis zu dessen Renovierung und Verkauf dort aufhalten wird.
Er verlangt von Greg, dass er herausfindet, worin Billys Problem besteht. Billy, dem es immer schwer fiel zu lernen und dem im Gegensatz zu Greg nie etwas in den Schoß gefallen ist.

Des Weiteren soll er die Motive für Onkel Frank seltsames Verhalten aufdecken. Was steckt hinter diesen "Besuchen" bei der Polizei.
Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellt, die ausgerechnet derjenige lösen soll, auf den man sich am wenigsten verlassen kann.
Eigenartige Phobien sowie ein unausgegorener Plan, endlich ein Cowboy zu werden, tauchen im weiteren Verlauf der Handlung auf - aber auch Versöhnungen, Reflexionen und die Lösung tiefer liegender Probleme und eine - nicht ganz ernstzunehmende - Variante dessen, was uns nach dem Tod erwartet.
Da kann man nur hoffen, dass man nach seinem Tod an einen kompetenten "Verwaltungsbeamten" gerät ;)

Bewertung
Ohne Zweifel eines der witzigsten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Aber den Roman nur eine Komödie zu nennen, greift zu kurz. Es geht auch um die Bedeutung der Familie, darum, füreinander da zu sein und die Fähigkeit einander zu vertrauen.
Und erstaunlicherweise auch um das Thema des Alleinseins. So zynisch Onkel Frank sein mag und für viele Lacher beim Lesen sorgt, so einsam ist er auch, ein Mensch, der sich letztlich nach Nähe sehnt. Wenn ihm auch sein unfreundliches Verhalten permanent dabei im Weg steht.

Berührend, wenn Lyle beschreibt, wie er begonnen hat, mit den Möbeln zu reden, um der Stille zu entgehen und wie jeder Tag ihm endlos erschienen ist. Das hat mich an "Unsere Seelen bei Nacht" erinnert, in der eine ältere Dame den Mut aufbringt, einen befreundeten Nachbarn zu bitten, die Nächte mit ihr zu verbringen - zum Reden, damit sie nicht mehr allein ist.

Insgesamt gute Unterhaltung mit Witz und leichtem Tiefgang - ideal für die Zeit zwischen den Jahren, wenn die familienträchtigen Tage vorüber sind.




Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graham Greene: Der dritte Mann

- die Erzählung zum Film.

Leserunde auf whatchareadin.

Hardcover, 207 Seiten
Edition Büchergilde, 2017

Vielen Dank der Büchergilde für dieses schöne illustrierte Leseexemplar.

"Der dritte Mann" ist eine Erzählung, die ursprünglich nur als Grundlage für den bekannten Film dienen sollte. Graham Greene beabsichtigte nicht sie zu veröffentlichen, glücklicherweise hat er es sich anders überlegt.
Ich selbst habe den Film nicht bewusst in Erinnerung, obwohl es durchaus sein kann, dass ich ihn irgendwann einmal gesehen habe. Nach der Lektüre werde ich ihn mir auf jeden Fall anschauen. Mein Vorteil ist, dass ich so unbelastet - ohne die Bilder des Films im Kopf zu haben - lesen und die wunderbar düsteren Illustrationen auf mich wirken lassen konnte.

Worum geht es?
Zu Beginn spricht ein Ich-Erzähler uns Leser*innen direkt an und bereitet uns auf den Schauplatz vor:

"Wenn Sie diese seltsame, ziemlich traurige Geschichte verstehen wollen, müssen Sie wenigstens einen Eindruck vom Hintergrund bekommen - von der zerstörten, trostlosen Stadt Wien..." (S.16).

Wien ist im Februar 1945 eine in Zonen unterteilte, zerstörte, trostlose Stadt. Der Protagonist der Geschichte ist neben dem Ich-Erzähler, der "fröhliche Trottel" Rollo Martins (S.15), in dem ein ständiger Konflikt herrscht.

"Rollo schaute jeder Frau nach, die vorbeikam, und Martins schwor den Frauen für alles Zeiten ab. Ich weiß nicht, welcher von beiden die Westernromane schrieb." (S.23)

Die Romane schreibt er unter dem Pseudonym Buck Dexter. Auf der Beerdigung von Harry Lime begegnet der Ich-Erzähler jenem Rollo zum ersten Mal und teilt mit, dass er das folgende Geschehen, das sich in jenem Februar 45 abgespielt hat, aus den Akten und in Gesprächen mit Martins rekonstruiert hat.

Der dritte Mann (S. 20/21)
Martins wird von seinem alten Schulfreund Harry Lime, eben jener, der beerdigt wurde, nach Wien eingeladen und verspricht ihm, alle Auslagen zu bezahlen. In Wien angekommen steht Martins aber allein da und so sucht er Lime in dessen Wohnung auf, wobei er erfährt, dass er von einem Auto überfahren worden ist und gerade beerdigt wird.
Nach der Beerdigung spricht ihn der Ich-Erzähler, Colonel Calloway, der für Scotland Yard arbeitet, an, und erzählt Rollo, dass Harry als Schieber gearbeitet habe. Rollo reagiert aggressiv auf diese Eröffnung und will der britischen Polizei beweisen, dass diese Anschuldigungen haltlos sind.
Im Hotel Sacher erwartet Rollo ein Mann namens Crabbin und ein auf den Namen Dexter gebuchtes Zimmer. Crabbin verwechselt Martins offenbar mit dem bekannten Autor Benjamin Dexter und lädt ihn für den übernächsten Tag zu einer Diskussion zum zeitgenössischen Roman ein - eine wirklich witzige Szene. Der Westernschreiber, der sich zu James Joyce äußern soll.

Zuvor erhält Rollo aber einen Anruf von Kurtz, angeblich ein Freund Harry Limes, der ihn kurz vor seinem Tod noch gebeten habe, sich um Rollo zu kümmern.
Sagte Calloway nicht, Lime sei sofort gestorben? Und wer ist die junge Frau, die am Grab gewesen ist? Der Reihe nach sucht Rollo alle am Unfall Beteiligten und einen Beobachter aus dem Haus auf. Neben dem Fahrer des Wagens, der Harry gekannt hat, und Kurtz stand auf der anderen Straßenseite Colonel Cooler, ebenfalls ein Freund Harrys. Doch der Beobachter hat neben diesen beiden, einen dritten Mann gesehen, der die Leiche Harrys ins Haus gebracht hat.
Wer ist der "dritte Mann"? War Harry wirklich in Schiebereien verwickelt? Welche Rolle spielen Cooler und Kurtz bei dem Unfall?
Antworten und ein echter Showdown warten uns ;)

Bewertung
Ein sehr spannender Krimi, in wunderbarer Sprache und mit trockenem Humor durchsetzt, wie die Beschreibung des Wiener Zentralfriedhofs beweist,

"ein Schneetoupet war über ein Engelsgesicht verrutscht, ein Heiliger trug einen dichten, weißen Schnurrbart, und ein Tschako aus Schnee saß in beschwipstem Winkel auf der Büste eines höheren Staatsdieners namens Wolfgang Gottmann." (S.27)

Der dritte Mann (S.190)
Die verschiedenen Zeitebenen sorgen für zusätzliche Spannung, da Colonel Calloway rückblickend von den Ereignissen erzählt, kann er Voraus- und Andeutungen machen, falsche Spuren legen und Ereignisse bewerten. Der Roman gibt aber auch einen authentischen Eindruck vom besetzen Wien, von der Aufteilung in vier Zonen - russische, amerikanische, britische und französische. Die mangelnde Zusammenarbeit der Russen mit den Westmächten deutet schon auf den kommenden kalten Krieg hin. Die düstere Atmosphäre wird in den Illustrationen wunderbar widergespiegelt, aber aufgelockert mit humoristischen Szenen.
Der Autor arbeitet bewusst mit Stereotypen, so ist der französische Soldat bei einer Festnahme völlig entspannt, der Amerikaner heldenhaft, der Brite Gentleman und der Russe rüpelhaft. Satirisch werden die den Nationen zugesprochenen Eigenschaften vorgeführt. Auch Harry Lime stellt sich als skrupelloser Schurke dar, dem es um schnelles Geld geht. Nur Rollo ist ambivalent - weder ein waschechter Held noch ein Feigling - auf jeden Fall ein Sympathieträger.
Jetzt freue ich mich auf den Film und kann all denen, die nur den Film kennen, diese Erzählung ans Herz legen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Haruki Murakami: Mister Aufziehvogel

- "das Reale muß nicht unbedingt wahr und die Wahrheit nicht unbedingt real sein" (S.658)

Lesen mit Mira

Taschenbuch, 766 Seiten
btb, 14. September 2007

Eigentlich ist der magische Realismus nicht mein bevorzugtes Genre. "Die gefährliche Geliebte", der einzige Roman, den ich bisher von Murakami gelesen habe, hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Trotzdem habe ich zugestimmt, als Mira vorgeschlagen hat, diesen Roman zu lesen. Unsere Lektüre war ebenso wie unser Austausch über unzählige Sprachnachrichten und ein langes Telefonat sehr intensiv. Gegenseitig haben wir uns motiviert, bis zum Ende durchzuhalten. Hat es sich gelohnt?

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht der 30-jährige Toru Okada, der seine Stellung in einer Anwaltskanzlei kündigt und auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Immer wieder hört er vom Haus aus

"den mechanischen Ruf eines Vogels (...), der so klang, als zöge er eine Feder auf. Wir nannten ihn den Aufziehvogel. Kumiko hatte ihn so getauft. Wir wußten nicht, wie er wirklich hieß oder wie er aussah, aber das störte den Aufziehvogel nicht. Jeden Tag kam er zur nahen Baumgruppe und zog die Feder unserer ruhigen kleine Welt auf." (S.14)

Doch diese ruhige Welt, in der Toru mit seiner Frau Kumiko lebt, gerät aus den Fugen. Zunächst ist ihr gemeinsamer Kater Noboru Wataya, benannt nach Kumikos Bruder, verschwunden und Toru soll sich auf die Suche nach ihm machen. Dazu klettert er über die Mauer hinter dem Haus in eine Gasse, deren Anfang und Ende zugemauert wurde und begibt sich zu dem verlassenen "Selbstmörderhaus" (Alle Menschen, die dort gewohnt haben, haben Selbstmord begangen). Dabei lernt er die 16-jährige May Kasahara kennen, die sich weigert zur Schule zu gehen und ein dunkles Geheimnis hat. Sie zeigt ihm auf dem verlassenen Gelände einen ausgetrockneten Brunnen, neben dem "Aufziehvogel" ein weiteres Dingsymbol, das den Roman durchzieht.
Die seltsamen Ereignisse häufen sich. Toru wird von einer "Seherin", Malta Kano, angerufen, die ihm helfen soll, den Kater zu finden. Er lernt deren Schwester Kreta Kano kennen, die ihm ihre Lebensgeschichte offenbart, in der Kumikos Bruder eine unheilvolle Rolle spielt, da er sie "beschmutzt" hat. Daneben wird Toru von einer Telefon-Sex-Frau belästigt und plötzlich ohne Vorwarnung verlässt ihn seine Frau und verschwindet spurlos. Toru stellt sich die Frage:

"Und ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen vollkommen zu verstehen?" (S.34)

Ob die Abtreibung, die Kumiko entschieden hat, eine zentrale Rolle für die folgenden Ereignisse gespielt hat? Oder ihr Bruder, der als Politiker Karriere macht und von dem eine dunkle Macht auszugehen scheint und den Toru vollständig ablehnt? Auch Kumikos Brief, in dem sie zugibt, ihn betrogen zu haben, löst das Rätsel ihres Verschwindens nur unzureichend.

Torus Leben wird in dieser Zeit vor allem von Träumen bestimmt und oftmals fällt es schwer Traum und Realität auseinander zu halten. Weitere Figuren treten auf, wie der Leutnant Mamiya, dessen Lebensgeschichte ebenfalls im Verlauf der Handlung erzählt wird. Er wird im Jahre 1937 in die Mandschurei geschickt und landet während eines missglückten Geheimauftrages in einem ausgetrockneten Brunnen - zum Sterben verdammt. Doch er wird gerettet und indem er Toru seine Leidensgeschichte erzählt, erfahren wir etwas über die Geschichte Japans am Ende des 2.Weltkrieges.

Jener Brunnen inspiriert Toru in den ausgetrockneten Brunnen des Unglückshauses zu steigen - keine Szene für Klaustrophobiker (wie mich). Er versucht  ins Unterbewusstsein hinabzusteigen, sich von seinem Körper zu trennen und einen Weg zu Kumiko zu finden, die er in seinen Träumen sucht. Gezeichnet verlässt er den Brunnen und schließlich tauchen noch zwei weitere Figuren auf: Muskat und Zimt Akasaka - Mutter und Sohn, deren Lebensgeschichte erneut ins besetzte China in einen Zoo zurückführt, in dem Muskats Vater als Tierarzt gearbeitet hat.

"Während ich Zimt die Geschichte erzählte, sah ich alle Farben und Formen klar und deutlich vor mir, und es gelang mir, das, was ich sah, in Worte zu fassen - in genau die Worte, die ich brauchte - und ihm dadurch alles zu vermitteln. In jede Richtung ging es endlos weiter. Es gab immer weitere Details, die sich zusätzlich einfügen ließen, und die Geschichte gewann immer mehr an Tiefe und Weite und Raum." (S.562)

Das passt auch genau zu diesem Roman, viele Details, Lebensgeschichten, Unterbewusstsein, Traum, was ist noch wirklich?
Da gelingt es nicht immer den roten Faden festzuhalten, auch wenn am Schluss das lose Ende wieder auftaucht, bleiben viele Fragen offen.


Bewertung
Magischer Realismus - die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwindet. Unterbewusstes scheint real und erfordert von den Leser*innen sich auf diese teils surrealen Welten einzulassen.
Das ist nicht immer leicht, weil in diesem Roman die Grenzen fließend sind und ein klare Struktur fehlt. Es gibt sehr viele Figuren und ihre Geschichten, die für sich gesehen, sehr interessant sind, fließen ebenfalls ineinander. Die Zusammenhänge zu erkennen ist schwierig und fordert zur Interpretation heraus. Psychoanalytiker*innen hätten sicherlich ihre Freude an diesem Roman.

In unserem Telefongespräch haben Mira und ich versucht, die Situation Kumikos, die von ihrem Bruder ebenfalls "beschmutzt" wurde, zu deuten. Der Brunnen, der am Ende wieder Wasser spendet, als Zeichen dafür, dass sich Toru seinen Gefühlen hingibt, einen Zugang zu den Gefühlen Kumikos erreicht, die Barrieren zu ihr überwunden hat, ein tiefes Verständnis ihrer Situation erreicht.
Während in Torus Brunnen das Wasser zurückkehrt, vielleicht auch, weil er seinen Widersacher zumindest im Traum niedergestreckt hat, bleibt Leutnant Mamiya Brunnen trocken - ihm gelingt die Rache an seinem Feind nicht - eine Kontrastfigur zu Toru, weil er keinen Frieden und Glück finden kann?
Aufgefallen sind uns die vielen gewalttätigen Szenen, die die Schilderungen des Krieges zwischen Japan und Russland mit sich bringen. Aber auch Toru schlägt einen Sänger nieder und gerät so an einen Baseballschläger. Andere Szenen sind ebenfalls grausam - wie die Tötung der Tiere im Zoo. Vieles möchte man überlesen und schnell wieder vergessen.
Ein Roman, der zur Auseinandersetzung auffordert und sich nicht ohne Weiteres erschließt. Ich bin sehr froh, dass ich ihn gemeinsam mit Mira gelesen habe und wir immer im Austausch standen, so dass wir uns gegenseitig "entlasten" konnten.
Obwohl ich meine Schwierigkeiten mit dem Genre und der Thematik hatte, werde ich auf Miras Empfehlung noch "1Q84" lesen, ihrer Aussage nach eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Hier geht es zu Miras Rezension.


Samstag, 25. November 2017

Isabella Archan: Auch Killer haben Karies

- ein skurriler Kriminialroman.


Taschenbuch, 320 Seiten
Emons Verlag, 23. März 2017

Nachdem ich den Krimi "Helene geht baden" von Isabella Archan rezensiert hatte, war die Autorin, die auch schon in meiner Lieblings-Buchhandlung gelesen hat, so freundlich, mir einen ihrer weiteren Krimi zukommen zu lassen.

Auch dieses Mal kommt der Humor glücklicherweise nicht zu kurz und mildert so die recht drastischen Schilderungen des Mordes.




Worum geht es?

"Ebbi liebte ihren Mörder." (S.8)

So lautet der erste Satz des Romans, in dem zu Beginn minutiös beschrieben wird, wie ein Mann in Frauenkleidern von einem anderen stranguliert wird.

Währenddessen sitzen im Café gegenüber der Kölner Hauptkommissar Jakob Zimmer und Dr. Leocardia Kardiff, eine Zahnärztin mit Spritzenphobie, die sich beide während einer Mordermittlung kennen gelernt haben. ("Tote haben kein Zahnweh")

Sie werden während ihres 7.Dates Zeuge, wie "Ebbie" aus dem Fenster der Wohnung auf ein Auto fällt und Leo kann nur noch den Tod feststellen, während Jakob Zimmer sofort seine Kollegen - Birgit von Zeh, Per Kowalski und Luis Fahrenz - benachrichtigt und den Tatort, eine leere Wohnung, sichert.
Beim Toten handelt es sich um Eberhard Dallinger, 51 Jahre alt, wohnhaft in Köln, der eine ausgeprägte weibliche Seite hatte - daher die Frauenkleider, die jedoch nicht von seiner Frau stammen, die seine Vorliebe kennt.
Angestellt war er bei Hannes Probst, der eine Kosmetik-Serie vertreibt und am nächsten Tag in Leos Zahnarztpraxis auftaucht. Er ist einer von vier neuen Patienten, die sie am Tatort gesehen und dort erfahren haben, dass sie Zahnärztin ist.

Da auch die Innensicht des Mörders selbst eingenommen wird, erfahren wir als Leser*innen, dass einer der Neuen der Täter sein muss:

"Er hatte vor gerade mal einer Stunde mit stoischer Ruhe einen Gürtel um einen Hals gelegt und einen Körper zwei Etagen abwärts befördert, doch bereits seit seinem fünften Lebensjahr fürchtete er sich vor allem, was mit der Silbe "Zahn-" begann. Panisch. (...) Den ersten Stich an den unteren Vorderzähnen hatte er vorhin bei der Frage "Die Zahnärztin?" gespürt. Ausgesprochen von einer Polizistin in Zivil, die sich an ihm vorbei durch die Menge gekämpft hatte, ihren Ausweis in die Höhe haltend." (S.49, 50)

Am lustigsten sind die Kapitel, die aus der Ich-Perspektive Leos erzählt werden, die nicht nur von einer Spritzen-Phobie geplagt ist, sondern auch den Tick hat, sich selbst zu ohrfeigen, um sich zur Räson zu rufen. Sich zu sagen, nicht in die Ermittlungen einzugreifen. Sie ist 44 Jahre alt, geschieden, Mutter von 15-jährigen Zwillingen und scheint eine sehr neugierige Person zu sein, so dass sie sich natürlich einmischen wird und zwangsläufig in Gefahr gerät.

Die Suche nach dem Mörder entpuppt sich dabei als schwieriger als gedacht. Der junge Ermittler Luis findet heraus, dass es innerhalb Deutschlands und sogar in Bern weitere Fälle gibt, bei denen der oder die Tote nach dem Mord "gefallen" sind. Hat das Kölner Ermittlerteam es mit einem Serienkiller zu tun?
Der zunächst recht einfach erscheinende Fall hält noch eine erstaunliche Wende bereit.


Bewertung
Wie in "Helene geht baden"  haben wir es auch dieses Mal mit einem Täter zu tun, der psychisch krank ist, ohne dass dies im Detail geklärt wird. Schwankt der Krimi um Helene zwischen Gefahr und Komik, überwiegen in diesem Krimi die komischen Elemente. Dafür sorgt die schräge, chaotische, aber liebenswerte Leo, die auf eigene Faust Fragen stellt und in den Fokus der Gefahr gerät - und das gleich mehrmals.
Obwohl man recht früh weiß, wer der Täter ist, erfährt der Fall eine überraschende Wende und es zeigt sich, dass sich mehr dahinter verbirgt, als man zunächst ahnt.
Besonders gut haben mir die Wechsel in der Erzähl-Perpektive und die szenischen Elemente gefallen. Ein Kapitel besteht ausschließlich aus einem Dialog, einem Telefongespräch, und eines gibt wieder, was auf die Mailbox des Mörders gesprochen wird, ein weiteres ist "Eine Szene wie aus einem Drehbuch:" (S.273) mit entsprechenden Regieanweisungen.

Ein spannender, amüsanter und sehr unterhaltsamer Krimi, mit einem sympathischen Ermittler und einer schrägen Zahnärztin, die sicherlich noch in den ein oder anderen Fall hineingeraten wird - so deutet es zumindest der Epilog an.

Hier geht es zur Verlagsseite.

Sonntag, 19. November 2017

Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

- melancholischer Kriminalroman.

Gebundene Ausgabe, 317 Seiten
Suhrkamp, 11. September 2017

Vielen Dank für das Leseexemplar, hier geht es zur Buchseite des Suhrkamp Verlages.


Der erste Teil der Reihe (den ich unbedingt noch lesen will!) um den pensionierten Kriminalkommissar Jakob Franck, Der namenlose Tag, wurde mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Dies ist nun der 2.Fall für den sympathischen Ermittler, der es sich auch in seinem Ruhestand zur Aufgabe gemacht hat, "Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen." (S.16)

Worum geht es in dem Mordfall?
Nachdem der 11-jährige Lennard Grabbe an einem stürmischen und regnerischen Abend nicht Hause kommt, beginnt eine fieberhafte Suche. 34 Tage später wird die Leiche in der Nähe eines Gasthofes gefunden, Tatort ist jedoch ein Spielplatz in der Nähe der Schule.
Jakob Franck sucht die Eltern auf, die ein Café betreiben, um ihnen die schreckliche Botschaft zu überbringen und "ermordet das Glück" dieser Familie.

">Ich habe Ihnen und Ihrem Mann eine schlimme Nachricht zu überbringen.<" Dann verschwand die Welt um sie herum.
Als die Welt wieder da war, gehörte Tanga Grabbe nicht mehr dazu." (S.12)

Tanja Grabbe, Lennards Mutter, zerbricht am Tod ihres Kindes, schließt sich in sein Zimmer ein. Auf der Beerdigung spricht sie sehr bewegend nur zu seinem Bild.

"Sie senkte den Kopf und bemerkte, dass sie eine gerahmte Fotografie in den Händen hielt. Das bist doch du, sagtes sie und betrachtete das sonnige Gesicht, zu ihm allein hatte sie gesprochen, nicht über ihn, nicht zu den anderen, nur zu ihm, ihrem Sohn; wenn er in ihrer Nähe war, brauchte sie niemanden sonst. Als er auf die Welt kam, brachte er sie mit." (S.54)

Sie weigert sich mit ihrem Mann Stephan und ihrem Bruder, Maximilian Hofmeister, zu sprechen, obwohl sie mit letzterem innig verbunden ist. Auch Max´ Glück, der seiner Schwester zuliebe den Friseursalon des Vaters übernommen hat, scheint verloren - ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit bemächtigt sich seiner und will ans Licht.
Während die Sonderkommission keinen Schritt bei der Tätersuche vorankommt, begibt sich Franck auf Spurensuche. Seine Ehe ist vor 20 Jahren gescheitert, da Francks Gedanken sich fast ausschließlich um seine Arbeit gedreht haben und vielleicht auch, weil die Ehe kinderlos geblieben ist. Doch immer noch ist er seiner Ex-Frau verbunden und trifft sie regelmäßig.
In seiner Erinnerung tauchen die ungelösten Fälle seiner Vergangenheit auf und immer wieder seine Schwester, die ebenfalls ermordet worden ist.

"An diesem frostigen Montagnachmittag taumelte Franck, unbemerkt von seinem Begleiter, in seine eigene Welt; in dieser Welt hatte er seine Schwester verloren und nie aufgehört, sie zu vermissen; als läge ihr Tod nicht schon fast ein ganzes Leben zurück, sondern vielleicht erst drei Monate - so lange wie die Ermordung des elfjährigen Lennard." (S.177)

In einer Art Meditation bündelt er seine Gedanken und begibt sich auf die Suche nach dem Fossil, dem Puzzleteilchen, das zur Aufklärung des Falls führt. Er verbringt Stunden am Tatort, geht alle Zeugenaussagen und Protokolle noch einmal durch, bis er endlich das entscheidende Detail entdeckt.

Bewertung
Eigentlich lese ich prinzipiell keine Kriminalromane, in deren Mittelpunkt die Ermordung eines Kindes steht und die Eltern in ihrer Trauer zurückbleiben, da es mir zu nahe geht. Doch mehrere Rezensionen haben mich auf den Roman neugierig gemacht, so dass ich eine Ausnahme gemacht habe.

Friedrich Ani spart die Trauer der Mutter nicht aus, als Leser*in taucht man tief in ihre Gedanken hinein und kann die Ermordung des Glücks mit-fühlen. Dadurch, dass die Gedanken und Gefühle jedoch in der erlebten Rede (Sie-/Er-Perspektive) erzählt werden, entsteht eine Distanz, die es ermöglicht, die Trauer der Protagonisten zu ertragen. Trotzdem ist ein sehr melancholischer Krimi, in dem die fragile Familienkonstellation der Grabbes völlig zerbricht und der Bruder Tanjas für eine alte Schuld bezahlen kann. Menschliche Abgründe - überall.

Natürlich ist der Kriminalroman auch spannend, die fast schon exzessive Suche Francks nach dem Mörder erzeugt einen Sog, dem ich mich nicht widersetzen konnte und fast glaubt man, das Fossil werde nie gefunden.

Ein beeindruckender Roman, in dem die Suche nach dem Mörder ebenso im Vordergrund steht wie die trauernden und verzweifelten Hinterbliebenen und der beharrliche, empathische Ermittler, von dem es hoffentlich noch weitere Fälle geben wird.




Donnerstag, 16. November 2017

Robert Menasse: Die Hauptstadt

- eine europäische Farce.

Quelle: pixabay
Hörbuch von Audible
gesprochen von Christian Berkel
14 Stunden 21 Minuten

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich das Vergnügen ein Interview mit Robert Menasse mitzuerleben, in dem er sich als überzeugter Europäer präsentiert hat. Da er für seinen Roman den Deutschen Buchpreis erhalten hat, war meine Neugier geweckt.


Worum geht es?

Ein Schwein läuft durch Brüssel. Zuerst sieht es der Belgier David de Vriend, Holocaust-Überlebender, der nach 60 Jahren seine Wohnung verlässt, um in ein Altenheim zu ziehen.
Karl-Uwe Frigge, Deutscher und EU-Beamter, der in der Generaldirektion Trade der Europäischen Kommission arbeitet, erblickt das Schwein von seinem Taxi aus. 
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommision, wartet auf jenen Frigge, in den sie sich verliebt hat. Er soll ihr helfen aus dem ungeliebten Kulturbereich herauszukommen. Aus einem Restaurant heraus beobachtet sie das rosa Hausschwein, das Richtung Hotel Atlas läuft, aus dem gerade der Mörder Richard Ossietzky tritt.
Ein Mordfall, dem sich der Kommissar Brunfaut annehmen wird und der dann einfach zu den AKten gelegt wird und auch nicht gelöst werden wird - wie so viele Probleme der europäischen Union.

Martin Susmann, österreichischer Bauernsohn und Referent bei Fenia, dessen Bruder Florian einen großen Schweinemastbetrieb unterhält und der den Einfluss Martin in Brüssel gelten machen will, sieht das Schwein von seiner Wohnung aus, wie es gerade jemanden zu Boden wirft.

Professor Alois Erhart, Erimitus der Volkswirtschaft und eingeladen zu einem Think-Tank der Kommission, Europa, hilft jenem Mann, der vom Schwein zu Boden gestoßen wurde, einem Immigranten, dem durch den Kopf geht: „Sein Vater hatte ihn vor Europa gewarnt.“

In diesem furiosen Prolog erscheinen die wichtigsten Hauptfiguren  - verbunden durch ein rosa Hausschwein, das Brüssel noch einige Zeit beschäftigen wird.

Im Mittelpunkt stehen diese Figuren und das Jubilee-Projekt der Europäischen Kommission, das dazu dienen soll, das Ansehen der europäischen Union aufzupolieren. Fenia reißt das Projekt an sich und beauftragt Martin Susmann eine Idee auszuarbeiten. Dieser hat den genialen Einfall, Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen. Als Ort, an dem nationale Identität aufgehoben wurde und als Symbol, dass Nationalität überwunden werden muss, damit sich ein solch unfassbares Verbrechen nie wiederholen kann. Ob sich eine solche Idee durchsetzen kann?

Neben dem Jubilee-Projekt spielt auch ein Handelsabkommen mit China eine Rolle - es geht um Schweine. Am Beispiel der (Um-)wege, die Florian Susmann als Vertreter der europäischen Schweinezüchter gehen muss und der Argumente, die diesbezüglich ausgetauscht werden, wird deutlich, wie stark die nationalen Interessen innerhalb der EU immer noch im Vordergrund stehen. 

Der Roman endet mit dem Holocoust-Überlebenden David de Vriend, der von einer Bombe in der Brüsseler U-Bahn ums Leben kommt. Mit ihm stirbt die Erinnerung und konsequenterweise endet auch die Jubilee-Idee, Auschwitz zum Zentrum der Feierlichkeiten zu machen, in den Mühlen der Bürokratie und scheitert an nationalen Befindlichkeiten.
Und das Schwein? Am Ende ist es verschwunden, wie die europäische Idee?


Bewertung
Menasse verführt dadurch, dass er mit satirischen Mitteln die EU-Kommission und ihre Arbeitsweise bloß stellt, zum Lachen. Andererseits appelliert er mit der Idee Auschwitz zum Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu machen für die Überwindung des Nationalstaates, für ein vereintes Europa, in dem die nationalen Interessen hinter europäische zurücktreten, damit Auschwitz nie wieder Realität wird. Damit schärft er den Blick für die Grundidee hinter der EU und erinnert an das, was uns vereinen sollte.

Ein sehr interessanter Roman, der überaus unterhaltsam erzählt wird - und eine echter Hörgenuss dank des guten Vorlesers Christian Berkel. Neben der politischen Thematik wird auch die Lebensgeschichte der einzelnen Hauptfiguren ausgebreitet, die jeweils in sich stimmig ist und immer wieder um die Themen nationale Identität und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kreisen. Daneben enthält der Roman aber auch sehr berührende Szenen.

Prof. Erhardt beschreibt, wie er nach 40jähriger Ehe, mit seiner Frau Trudi guten Sex erlebt:

"Er schob ihr Nachthemd hoch, spürte dabei eine kurzen stechenden Schmerz in seinen Lendenwirbeln wie ein Stromschlag. Er stöhnte, sie zog das Hemd aus. Sie lächelte, erstaunt, fragend. Er betrachtete ihren Körper, studierte ihn. Las jede Falte, jedes blaue oder rote Äderchen und jedes Fettpölsterchen wie eine Landkarte auf der ein langer gemeinsamer Weg eingezeichnet war. Ein Lebensweg mit Höhen und Tiefen und er drückte sich erregt an sie, weinte, drückte, das Licht, der Röntgenblick und plötzlich in größter Erregung spürte er es. Ein Verschmelzen, in dem ihre Seelen sich berührten. Und sie lachte, Trudi. Ihre Seelen berührten sich.“ (Kapitel 83)

Ein Roman, den es sich zu lesen oder zu hören lohnt, und nicht nur, weil er den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Hier geht es zur Seite des Verlags (Suhrkamp).

Montag, 13. November 2017

Bernd Mittenzwei: Die zweite Luft

- eine Novelle.

Taschenbuchausgabe, 182 Seiten
A. Fritz Verlag, 5. Juni 2017


Das Leseexemplar wurde mir vom Verlag zur Rezension angeboten. Da ich schon einige schlechte Erfahrungen mit solchen Anfragen gemacht habe, war ich zunächst kritisch. Doch die Thematik der Novelle hat mich angesprochen und überzeugt.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Jahre 1986 in Altdorf, einer Stadt in der Nähe von Nürnberg. Zu Beginn folgen wir der 40-jährigen Lydia auf ihrem morgendlichen Lauf aus der Stadt heraus, die ihr jahrelang Heimat gewesen ist.

"Dies war ihr Nest gewesen, ihre Geborgenheit, ihr Platz im Leben. Doch das war vorbei, es bedeutete nichts mehr. Dieser ganze Mikrokosmos, der ihre Welt gewesen war, diese ökologische Nische für Kleinstädter, dieser Tümpel, in dem jede Generation aufs Neue ihren Laich ablegte, sich vermehrte, fraß und starb, dessen Gerüche sie ihr Legen lang aufgesogen hatte, sie hatte sich satt gelebt darin." (S.10)

Lydias Leben ist im Wandel, auf ihrem langen Lauf gedenkt sie ihrer besten Freundin Sulla, die sie einst aus einer heiklen Situation gerettet hat und die in Südafrika gestorben ist. An ihre Arbeitsstelle, an ihren Exfreund und als Leser*in spürt man, dass Lydia davon läuft...

Der zweite Protagonist ist Stenger, verheiratet und zum Abendessen mit den Nachbarn geladen. Eine gesellschaftliche Verpflichtung, der er sich gerne entziehen will. Eoch eine Schuld lastet auf ihm, an die ihn seine Frau erinnert. Etwas, das ihn niederdrückt und ihn zum Alkohol greifen lässt.

"Andere Männer hatten es da leicht. Sie spielten leidenschaftlich Fußball, schraubten an imposanten Motorrädern, bastelten respektable Modellflugzeuge, planten aufregende Reisen oder bauten repräsentative Gartenhäuser. All dies stand ihm nicht zur Verfügung. Dies konnte er nicht, jenes wollte er nicht, und was er gewollt und gekonnt hätte, das ließ er bleiben, damit es ihm nicht misslingen konnte. Bis in alle Ewigkeit ist Sisyphos verdammt." (S.17)

Auch das Abendessen bei den Nachbarn misslingt, da Stenger sich haltlos betrinkt - mit fatalen Folgen.

Die dritte Figur ist der Zivildienstleistende Stefan, der in einem Altenheim arbeitet und sich um Theodor Macke, eine alten Herrn mit "schleimigen Altmännerphantasien" (S.31) kümmert.
Stefan ist ein Einzelgänger, ein Junge, der in seiner Kindheit wenig Liebe erfahren hat und sich in der Gegenwart der Alten gebraucht und geborgen fühlt. Doch dann macht er eine Dummheit und glaubt, er müsse fliehen. Mit dem Fahrrad macht er sich auf den Weg.

Genau wie Stenger nach dem katastrophalen Abend mit den Nachbarn in sein Auto steigt und davon  fährt.

Bewertung
Drei Menschen, die an einer Wegkreuzung stehen und weglaufen wollen, die ihren Weg suchen und Möglichkeiten ausloten und dann überraschend zusammen treffen.
Da der Roman jeweils aus der personalen Perspektive dieser Personen erzählt wird, taucht man als Leser*in intensiv in die jeweilige Gedankenwelt ein. Dem Autor gelingt es ein stimmiges Bild der Gefühlswelt der Figuren zu zeichnen - sehr authentisch die Situation, als Stenger im Bad betrunken versucht, die Richtung wieder zu finden. Die Sprache ist teilweise etwas überladen, aber immer wieder finden sich originelle Bilder und eindringliche Aussagen, die nur manchmal zu plakativ daherkommen. Insgesamt eine sehr positive Überraschung, eine unterhaltsame Novelle, die nachdenklich macht und ganz wunderbar das positive Gefühl beim Laufen beschreibt.

Die Schlüsselszene für mich ist, als Stefan und der alte Macke einmal zufällig Lydia und Sulla beobachten. Sulla, die ihrer Freundin zeigen will, dass man immer die Wahl hat - bei jeder Entscheidung. Dieses Gespräch geht Lydia beim Laufen durch den Kopf - "etwas anderes machen, das ganz andere".

Eine positive Überraschung!



Samstag, 11. November 2017

Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

- Innenansichten eines Fossils.

Leserunde auf whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten
Frankfurter Verlagsanstalt, 7. März 2017

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar.

Inhalt

Walter Nowak liegt im Badzimmer, unbeweglich. Seine Frau Yvonne ist auf einer Tagung und kommt hoffentlich wieder.

"Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, wir waren noch nie länger als länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang. Das lässt sich alles erklären, Yvonne wird es verstehen. Ich erzähle es ihr. Wo fange ich an?" (S. 5)

Der Roman ist ausschließlich im Gedankenstrom aus Walters Perspektive verfasst, was eine besondere Dynamik erzeugt und einen tiefen Einblick in die Welt dieses 68-jährigen Mannes ermöglicht. Wie eine Diskussionsteilnehmerin in der Leserunde so treffend bemerkt hat, gleichen die Sätze einer "Stickarbeit".

Walter erzählt (allerdings im Präsens, was zu Beginn verwirrt), wie er wie jeden Morgen ins Schwimmbad gefahren ist, um seine Bahnen zu ziehen und beim Anblick einer jungen Frau mit Pferdeschwanz - eine Frisur, die schon seine Mutter getragen hat und die ihn schwach werden lässt - verfehlt er das Ende der Bahn und knallt gegen den Beckenrand.
Ein Kopfverletzung, die ihn zunehmend verwirrter werden lässt. Wann genau er im Bad liegen bleibt und sich das abspielt, was er vor den Augen der Leser*innen ausbreitet, darüber haben wir auch diskutiert. Letztlich ist die Chronologie der Ereignisse weniger wichtig als das Leben selbst, von dem Walter erzählt.
Von seiner Kindheit als Bastard und dem Wunsch Elvis (der eine Zeit lang in Walters Heimatstadt stationiert gewesen ist) sei sein Vater. Von der Ablehnung seines Großvaters, der den ungeliebten Enkelsohn los werden will.

"Mein Großvater hat mich einmal, der hat mich zweimal, hat mich verdroschen, wann es nur ging. Doch irgendwann. Hielt ich die Axt in der Hand. Danach war Schluss mit den Schlägen." (S. 48)

Er erinnert sich an die Ausgrenzung, die er in der Schule und von Mitschülern erfahren hat - bis auf einen, dessen Tod für ihn ein einschneidendes Erlebnis ist.
Walter stellt sich den Leser*innen als Mann dar, der seine Probleme verdrängt, statt sie sie aufzuarbeiten.

"Der Paartherapeut, dieser Idiot. Ich bitte Sie, ich bin ein erwachsener Mann, ich werde jetzt nicht anfangen, ich werde Ihnen jetzt nicht vorheulen, wie schlimm meine Kindheit war. Meine Mutter hat alles getan, das war eine andere Zeit. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand." (S.13)

Ein Selfmade-Man, der stolz auf das ist, was er erreicht hat.

"Wer schläft denn bis zwölf. Das ist nicht der Igel, das bin doch nicht ich. Wer bis zwölf Uhr schläft, erreicht nicht, was ich errecht habe. Der boxt sich nicht durch, macht nicht die mittlere Reife. Der findet keine Lehrstelle beim besten Meister. Wer bis zwölf schläft, kann die Lehre vergessen, der wird nicht Elektriker. Erlangt nicht die Gunst seines Chefs. Wer bis zwölf Uhr schläft, übernimmt keine Firma. Arbeitet nicht wie besessen, revolutioniert nicht den Markt." (S.52)

Der aber kein Verständnis für seinen Sohn Felix hat, der nicht in seine Fußstapfen treten will und zu dem er keine Beziehung aufbauen kann. Er selbst hat nie einen Vater kennen gelernt, begibt sich aber auch nicht auf Spurensuche - selbst als sein Sohn sich für seinen unbekannten Großvater interessiert, verweigert sich Walter. Eine gemeinsame Reise in die USA wird zur Katastrophe.

Seine erste Ehe scheitert, seine zweite Frau - Yvonne - ist 20 Jahre jünger, ein Umstand, auf den Walter stolz ist. Das positive Bild, das er zunächst von Yvonne zeichnet, erhält jedoch Kratzer.
Die Zeit, in der Yvonne abwesend ist, gerät zum Desaster. Walter richtet ein heilloses Chaos im Haus an und es entsteht zunehmend der Eindruck, als habe er Erinnerungslücken. Immer wieder wandern seine Gedanken zur seiner Untersuchung - offensichtlich steht er vor einer Prostataoperation - ein Angriff auf seine Männlichkeit. Und es bleibt die Frage, warum er im Bad am Boden liegt, die sich erst ganz am Ende beantwortet.


Bewertung
Der Roman zeichnet das Psychogramm eines älteren Mannes, der sein Leben lang seine Problem verdrängt hat und die jetzt, da er unbeweglich zum Nachdenken gezwungen ist, auf ihn einströmen. Der fehlende Vater, die Ausgrenzung, die Nähe zur Mutter, die Untreue seiner ersten Frau gegenüber, die er völlig verdrängt hat. Empathie ist wahrlich nicht seine Stärke.
Sein Denken wird von Vorurteilen geprägt, von festen Glaubenssätzen, was sein darf und was nicht - Fitness, gut auszusehen im Alter, gehört für ihn unbedingt dazu. Er muss sich immerzu beweisen.
Seine Geilheit ist auch ein Tatsache, die er verdrängt, sie hat ihn in die unglückselige Situation im Bad gebracht, aber er kann natürlich alles erklären.
In seiner Erinnerung taucht immer wieder sein Sohn auf, die Enttäuschung, dass er einen Beruf erlernt hat, der eines Mannes nicht würdig ist. Walter ist wirklich ein Mann vom alten Schlag. Mehrfach waren wir uns in der Diskussionsrunde einig, er sei ein Fossil, einer Generation angehörig, die am Aussterben ist.
Der Gedankenfluss wirkt dabei völlig authentisch, die Figur ist stimmig und glaubwürdig.

Eine sehr interessante Komposition, in der - wie in einem Puzzle - das Lebens dieses gescheiterten und bemitleidenswerten - auch darüber gab es unterschiedliche Ansichten - Mannes Schritt für Schritt zusammengesetzt wird, so dass am Ende eine Gesamtbild vor den Leser*innen ausgebreitet ist.
Was aus Walter wird? Das bleibt offen, zu befürchten ist, dass Yvonne ihren eigenen Weg gehen wird.

Ein Roman, der mit seiner außergewöhnlichen Sprache und der Stimmigkeit der Figur auch den Deutschen Buchpreis verdient hätte.

Sonntag, 5. November 2017

John Banville: Die See

Man Booker Prize 2005

Kleine Leserunde bei whatchareadin

Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 15. August 2006


Inhalt
Max Morden kehrt an einen Ort (Ballyless) seiner Kindheit, an "Die See" zurück. Dort hat er immer seine Ferien in einem kleinen Chalet gemeinsam mit seinen Eltern verbracht.

"Wir kamen jeden Sommer im Urlaub hierher, viele Jahre lang, viele Jahre, bis mein Vater uns sitzen ließ und nach England ging, wie Väter es bisweilen taten, damals und eigentlich auch noch heute. Das Chalet war ein klassisches Holzhaus nur in verkleinertem Maßstab." (S.33)

Auslöser für die Rückkehr ist der Tod seiner Frau Anna, die nach schwerer Krankheit von ihm geht und um die er trauert.

Aus der Ich-Perspektive von Max werden in verschiedenen Zeitebenen die Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse wach.
Manchmal springt der Ich-Erzähler unvermittelt von der Gegenwart in die Vergangenheit, wobei die Gedanken inhaltlich zusammengehören.
Auch innerhalb dessen, was geschehen ist, erinnert er sich nicht chronologisch. So setzt sich wie ein Puzzle die Vergangenheit - ein Sommer an der See, den Max als Junge erlebt hat -  Schritt für Schritt zusammen, was er als Erzähler selbst kommentiert:

"Und warum sollte ich mich wohl, anders als jeder dahergelaufene Melodramatiker, der Forderung verschließen, dass die Geschichte zum Schluss noch eine ordentlich überraschende Wendung braucht?" (S.196)

Eine große Bedeutung kommt in jenem längst vergangenen Sommer der Familie Grace zu. Bestehend aus den Eltern Carlo und Conny und den Zwillingen: der stumme Myles und die knabenhafte Chloe, sowie der Gouvernante Rose, die in die Villa "Zu den Zedern" einziehen. Ihre gesellschaftliche Stellung, die der Max´ überlegen ist, übt auf ihn eine besondere Faszination aus.

An jenen Ort kehrt auch der Witwer Max zurück.

"Die Villa heißt Zu den Zedern, wie eh und je." (S.9)

Inzwischen ist es eine Pension, geleitet von Miss Vavasour und dauerhaft bewohnt vom alten Colonel Blunden.
Max Tochter Claire begleitet ihn zunächst an die See. Einerseits liebt er sie, andererseits scheint er auch von ihr enttäuscht zu sein, da sie keine zweite Anna ist, und äußert sich abfällig über sie.

Außergewöhnlich gut gelingt es Banville die Atmosphäre, die Präsenz der See erlebbar zu machen, sie ist allgegenwärtig, man schmeckt sie, fühlt den Wind und hört die Wellen.

"An der See besteht alles aus schmalen Waagerechten, die ganze Welt reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Erde und Himmel gezwängte Linien." (S.14)

Und man kann sich in die Gedanken und die erotischen Träume des 11-jährigen Max hineinversetzen, die sich zunächst um Conny Grace drehen, dann aber von der Mutter auf die Tochter übergehen.
Mit Chloe wird er zur eigenständigen Person, entdeckt zum ersten Mal sich selbst.

"Indem sie mich von der Welt loslöste und mich dadurch erkennen ließ, dass ich ein losgelöstes Wesen war, schloss sie mich von dem Gefühl der Immanenz allen Seins aus, von dem Allsein, das mich umfangen hatte, in dem ich bis dahin in mehr oder minder glücklicher Unwissenheit gelebt hatte." (S.142)

Neben diesen Erinnerungen an das, was in dem Sommer geschehen ist, wandern Max´ Gedanken immer wieder zur gemeinsamen Vergangenheit mit Anna. Wie sie sich kennen gelernt haben, ihre Heirat, die Beziehung zu ihrem Vater, wie sie von ihrer Krankheit erfahren haben und zu ihrem Tod und seiner Hilflosigkeit.

"Wir tragen die Toten nur so lange bei uns, bis wir selber sterben, und dann sind wir diejenigen, die eine kleine Weile mit herumgetragen werden, und dann ist es an denen, die uns tragen, selbst umzufallen und so geht es immer weiter, von Generation zu Generation, bis in unvorstellbare Ewigkeiten." (S.100)

Die Identitätssuche des Protagonisten ist meines Erachtens der Mittelpunkt des Romans. Max hinterfragt sein Handeln, reflektiert sein Verhalten und gelangt zu Erkenntnissen über sich selbst.
Den Fragen, wer er sein will, wer er geworden ist und welche Bedeutung Anna und die Ereignisse um Chloe in seinem Leben gespielt haben, nähert er sich langsam an.

"Früher habe ich mich  stets als eine Art Freibeuter gesehen, einen der jedermann mit dem Entermesser zwischen den Zähnen begegnet, aber heute muss ich eingestehen, dass das eine Selbsttäuschung war. Versteckt, beschützt, behütet sein, mehr habe im Grunde nicht gewollt." (S.54)

Bewertung
Über den Charakter des Protagonisten haben wir in der Leserunde am meisten diskutiert. Ist Max sympathisch? Zumindest ist er ein ambivalenter Charakter, der sehr darunter leidet, in eine Gesellschaftsschicht hinein geboren zu sein, in der er sich nicht zugehörig fühlt. Die Bekanntschaft mit den Graces führt ihm vor Augen, was er sein will und wohin er möchte. Insofern ist seine Heirat mit Anna, die aufgrund der illegalen Geschäften ihres Vaters Geld zur Verfügung hat, opportunistisch, andererseits liebt er sie und verzweifelt an ihrem Tod zutiefst.

Letztlich ist die Frage nach der Sympathie zweitrangig. Die Auseinandersetzung mit seinem Leben, die Suche nach Identität, das Rätsel um jene schrecklichen Ereignisse, die an der See geschehen sind, die Beziehung der Figuren zueinander in jenem Sommer, die Schritt für Schritt aufgedeckt werden, erzeugen einen Lese-Sog - trotz der Reflexionen und der Sprünge zwischen und innerhalb der Zeitebenen.
Die außergewöhnliche bilderreiche Sprache lädt dagegen immer wieder dazu ein innezuhalten und über das Gelesene nachzudenken.

Ein besonderer Roman und sicherlich nicht der letzte, den ich von John Banville gelesen habe. Vielen Dank an Literaturhexle, die mich auf die Leserunde aufmerksam gemacht hat und die genau wie ich von der wunderbaren Sprache des Romans angetan ist.

Montag, 30. Oktober 2017

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Ein perfektes Leben?

Lesen mit Mira


Gebundene Ausgabe, 656 Seiten
Diogenes, 23. August 2017

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Mira und ich hatten das Vergnügen den Autor Klaus Cäsar Zehrer während der Frankfurter Buchmesse in einem Interview zu erleben, in dem er über die Idee zu seinem Roman über eines der größten Wunderkinder des letzten Jahrhunderts erzählt hat. Auf einer Liste der 10 intelligentesten Menschen sei ihm der Name William James Sidis zum ersten Mal begegnet. Neugierig geworden, wer sich dahinter verberge, habe er angefangen zu recherchieren. Und letztlich ist "Das Genie" entstanden, ein Roman, der einen Einblick in das Leben des William James Sidis ermöglicht und den Leser*innen selbst überlässt, wie sie das Erziehungsexperiment des Vaters Boris beurteilen.

Klaus Cäsar Zehrer auf der Frankfurter Buchmesse
Worum geht es?

Am 5. Oktober 1886 wandert der junge Ukrainer Boris Sidis in die Vereinigten Staaten von Amerika ein, ein Tag, den er künftig als seinen Geburtstag ansehen will, da für ihn ein neues, freies Leben anfangen soll. Dieses stellt sich zunächst jedoch als sehr mühsam heraus, es gilt Geld zu verdienen, einen Schlafplatz zu finden, Arbeit zu suchen. In der Fabrik, in der er beginnt, unterbreitet er seinem Vorarbeiter Verbesserungsvorschläge.

"Sie betrafen die Arbeitsabläufe in der Fabrik und waren umfassend, punktgenau, kristallklar formuliert und dermaßen einleuchtend, dass er sich nicht erklären konnte, warum er nicht schon längst selbst darauf gekommen war." (S.31)

Gegenüber dem Chef der Firma äußert er die Meinung, dass Bildung das Wichtigste für die Arbeiter und ihre Kinder ist, "damit sie freie und glückliche Menschen werden. " (S.34)

Man kann sich vorstellen, dass Boris Zukunft in der Firma damit beendet ist. Statt dessen bringt er sich in der öffentlichen Bibliothek selbst Englisch bei und gibt Nachhilfestunden. Er ist ein hervorragender Lehrer und versteht es aus seinen Schülern das Bester herauszuholen - ein Umstand, der ihn in seiner Heimat ins Gefängnis gebracht hat.
Durch einen Zufall verschlägt es ihn von New York nach Boston, wo er als Englischlehrer, inzwischen 22 Jahre alt, auch seiner zukünftigen Frau Sarah Mandelbaum begegnet. Sein erstes Experiment beginnt:

"Schon lange hatte er sich gefragt, wie hoch man einen Menschen durch Bildung heben konnte. Anhand dieses Mädchens würde er es herausfinden. Ein Experiment, wenn man so wollte." (S.61)

Es gelingt - so viel sei hier verraten. Trotz bürokratischer Hürden und der Tatsache, dass die Wissenschaften Frauen größtenteils verwehrt waren, studiert Sarah Medizin, macht ihren Doktor und heiratet den ehrgeizigen Boris, der auf die Frage, ob er sie liebe, antwortet:

"Ach je, Liebe. Was soll das sein? Traute Zweisamkeit, Familienidyll, Glück im Winkel...Wenn es mir darum ginge, könnte ich irgendeine nehmen. Aber es geht mir nicht darum, und Sarah ist nicht irgendeine. Was ich vorhabe, geht nur mit ihr. (...) Ich brauche sie." (S.100)

Boris ist kein sympatischer, liebenswerter Mensch - im Gegenteil, ihm geht es bei darum, zu beweisen, dass seine Erziehungs- und Lehrmethoden die besten sind. Ein Schlüsselerlebnis hat er, als er erlebt, wie Sarah in einer Show hypnotisiert wird. Fortan beschäftigt er sich mit Psychologie und beginnt in Harvard zu studieren, wo ihn Professor William James unter seine Fittiche nimmt.
Seine Forschungen beschäftigen sich mit dem "Subwaking Self".

"Du musst dir das so vorstellen: Du hast nicht nur eine Persönlichkeit, sondern zwei. Zum einen bist du die Sarah, die hier an diesem Tisch sitzt und isst und mir zuhört und so weiter. Du denkst, das bist du, und das stimmt auch, aber nur zum Teil. Weil, es gibt eben auch noch dein zweites Selbst. Du kannst es nicht sehen, noch nicht mal bemerken, aber es ist trotzdem immer in dir." (S.131)

"Meine Vermutung lautet, dass unser Gehirn zu wesentlich größeren intellektuellen Leistungen imstande ist, als wir gemeinhin annehmen. Nur ein kleiner Teil seines Potentials ist leicht zu aktivieren. Mit dem gewaltigen Rest verhält es sich wie bis vor kurzem mit dem Unterbewusstsein, wir wissen, das da etwas sein muss, aber wir haben noch keinen Zugang dorthin." (S.213)

Die erste Person, bei der Boris an dieses Potential herankommen will, ist sein Sohn William James Sidis, Billy genannt, der vom Tag seiner Geburt, dem 1.April 1898, lernen muss. Das Ziel Boris ist es, ein Genie aus ihm zu machen. Ein Experiment, das mit jedem Kind gelingen sollte.
Seine Eltern sprechen keine "Kindersprache" mit Billy, sondern mehrere Fremdsprachen, keine Lieder erreichen seine Ohren, statt dessen Farben, Formen, Bilder mit den entsprechenden Begriffen dazu.

Und die Methode scheint erfolgreich, denn mit zwei Jahren kann Billy lesen und hohe Erwartungen werden an ihn gestellt:

"William, du bist meine Hoffnung. Ich gebe alles, damit du nichts so wirst wie die anderen, so kleingeistig, denkfaul, niederträchtig und blutrünstig. Ich wünsche mir, dass man eines Tages in der New York Times nicht lesen wird, wie viele Menschen wieder irgendwo sinnlos gestorben sind, sondern was der große Gelehrte William James Sidis herausgefunden hat." (S.179)

Es ist ein weiter, steiniger Weg, bis die New York Times tatsächlich über den 39-jährigen William James Sidis schreibt. Ob aus dem Wunderjungen tatsächlich ein Gelehrter wird? Einer, auf den Boris stolz wäre?

Bewertung
Ein faszinierender Roman über ein erstaunliches Erziehungsexperiment, in dem ohne Zweifel ein hoch intelligentes Kind herangezogen wird, das 40 Sprachen beherrscht, früh lesen kann, ein außergewöhnliches mathematisches Talent besitzt und logisch argumentieren kann.
Aber auch ein Kind, das zunächst genau wie sein Vater unsympathisch erscheint - zwei "Flegel", die sich weder an gesellschaftliche Konventionen halten noch bereit sind, empathisch ihren Mitmenschen zu begegnen. Boris wird zunehmend zu einem rechthaberischen Patriarch, der gegen Freud vorgeht - in beleidigender Art und Weise, wie sie einem Wissenschaftler nicht geziemt. Sarah dagegen ist eine unbarmherzige Mutter, die William kurzerhand das Geld streicht, wenn er keine Erfolge vorweisen kann.
Bis zur Pubertät wird Billy regelrecht von seinem Vater vorgeführt, muss ständig sein Genie unter Beweis stellen, wie ein abgerichteter Hund - so mein Eindruck. Und wird gleichzeitig von den anderen Kindern gemieden und ausgegrenzt, da er sich nicht kindgemäß verhält.

Im Verlauf der Handlung empfindet man immer stärker Mitleid mit diesem Jungen, der permanent ein Außenseiter bleibt, da er wesentlich jünger als seine Mitschüler und Mitstudenten ist und nie gelernt hat, sich in einer sozialen Gemeinschaft zu bewegen. Seine motorischen Fähigkeiten lässt Boris interessanterweise außer Acht, mit der Begründung "Leibeserziehung sei ein Synonym für Zeitvergeudung." (S.240)
Ein Umstand, der es Billy noch weniger ermöglicht, ein "normales" Leben zu führen, statt dessen wird er zeitlebens ein Sonderling bleiben, ein lebendes Objekt, das beweisen soll, ob die Methode seines Vaters sich bewährt hat.
Die Pubertät verändert ihn und sein erklärtes Ziel ist es nun, ein perfektes Leben führen zu wollen mit strikten Regeln und Prinzipien, von denen er (fast) nie abweicht. Ein Leben jenseits der Öffentlichkeit und letztlich jenseits der Gesellschaft. Ob ihm das gelingen kann?

Scheitert die Methode?
Obwohl Zehrer betont, die Leser*innen sollen selbst urteilen, gibt er meines Erachtens im Roman die Antworten darauf.

"Am 12. Februar 1910 (...) wurde seine Schwester Helena geboren. Zu gerne hätten ihre Eltern sie nach der bewährten Sidis-Methode zum Genie erzogen, aber sie konnten den Aufwand unmöglich ein zweites Mal leisten." (S.316)

William selbst reflektiert darüber, ob die Welt wirklich besser wäre, hätte sich die Methode seines Vaters durchgesetzt. Und William weiß, dass die Methode gescheitert ist:

nicht an ihm, William, und auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt." (S.490)

William spricht genau jenen Punkt an, der mir beim Erziehen das meiste Unbehagen verursacht hat. Das Fehlen einer liebevollen Beziehung zwischen den Eltern und dem kleinen Billy. Die Erziehung zu einem empathischen und sozialen Wesen gehört neben der geistigen Förderung dazu. Ob letzteres im Elternhaus oder in den Schulen manchmal zu kurz kommt, darüber kann man sicherlich streiten.

Scheitert das perfekte Leben?
William bleibt ein Außenseiter. Seine Ideen über die perfekte Gesellschaft sind interessant, eine Utopie, die in der Realität und vor allem nicht im kapitalistischen Amerika umzusetzen sind. Sein unbedingter Pazifismus ist bewundernswert, er ist nicht bereit, seine mathematische Begabung in den Dienst des Militärs zu stellen. Und doch "verrennt" er sich in eine Idee, die ich nicht verraten will, und letztlich gelingt ihm nicht, so zu leben, wie er sich vorstellt. Er hat nie gelernt ein soziales Wesen zu sein, was sich auch in seinem Äußeren niederschlägt, und kann daher mit seinen Vorstellungen nur wenige Menschen erreichen. Eigentlich ein tragisches Schicksal!

Ein besonderer historischer Roman, über den man noch viele Seiten schreiben könnte.
Klare Lese-Empfehlung!

Und hier geht es zu Miras sehr ausführlicher Rezension, die sich intensiv mit der Erziehungsmethode befasst hat.