Sonntag, 6. August 2017

Paul Auster: 4321

"Identisch, aber verschieden": 4 Variationen eines Lebens.

Lesen mit Mira

Gebundene Ausgabe, 1264 Seiten
Rowohlt, 31.Januar

Lese-Erfahrung
Mira und ich haben uns diesen sehr umfangreichen Roman für den Urlaub vorgenommen. Während der langen Lesezeit haben wir unzählige Sprachnachrichten ausgetauscht und über den Roman diskutiert.

Deshalb wird dieser Blogbeitrag auch keine Rezension im üblichen Sinne, sondern gibt meine bzw. unsere Lese-Erfahrung wieder.

Im Klappentext steht, "4321 - das sind vier Variationen eins Lebens", dem Leben von Archie Ferguson.
Mein erster Gedanke war, dass diese vier Variationen hintereinander präsentiert würden.

Kapitel 1.0 bietet die Basis dieses Lebens, die Geschichte von Archies Großvater wird erzählt, einem jüdischen Russen aus Minsk, der am 1.Januar 1900 in Ellis Island, New York eintrifft. Wir erfahren, wie er zu seinem Namen kommt, wie er seine Frau Fanny kennen lernt, dass sie gemeinsam drei Kinder haben und wie ihr jüngster Sohn Stanley sich in Fergusons Mutter Rose verliebt und am 3.März 1947 erblickt Archie Ferguson das Licht der Welt.

In Kapitel 1.1 wird die frühe Kindheit aus Archies kindlicher Perspektive erzählt, der mit seinen Eltern aus der Wohnung in Newark nach Montclair, Bundesstaat New Jersey gezogen ist. Er wünscht sich ein Geschwisterchen, doch da dies laut Aussage seiner Mutter, die er über alles liebt, nicht möglich ist, stellt er sich einen älteren Bruder vor.

"Ferguson war noch keine fünf Jahre alt, hatte aber schon begriffen, dass die Welt in zwei Reiche aufgeteilt war, ein sichtbares und ein unsichtbares, und dass die Dinge, die er nicht sehen konnte, oft wirklicher waren als die, die er sehen konnte." (S.60)

Als er 6 Jahre alt ist, eröffnet seine Mutter ein Fotoatelier - Roseland Fotos, in dem sie Porträts anfertigt, auch eines von Archie, das im Schaufenster ausgestellt wird.
Das Ereignis, das sein weiteres Leben prägt, ist ein besonderes Baseballspiel im Jahre 1954, das erste Spiel der World Series.

"Seit jenem Nachmittag Ende September 1954, jenem unvergesslichen Nachmittag, an dem er mit Cassie am Fernseher den Sieg von Mays und Rhodes über die Indians verfolgt hatte, war Baseball seine größte Leidenschaft (...)" (S.174)

Auch Archies Onkel Lew profitiert von der Serie, denn der Wettsüchtige setzt auf den unerwarteten Sieg der Giants und wird reich. Im gleichen Jahr wird das Geschäft "Three Brothers Home World", das die drei Brüder - Lew, Arnold und Stanley Ferguson - führen, ausgeraubt. Ein harter Schlag für Archies Vater.

Im Kapitel 1.2 ist Archie fünf Jahre alt - ein Rückblick?
Er ist von einer Eiche gefallen und muss den Sommer mit einem Gipsbein zuhause im Bett verbringen. Seine Großmutter Emma lernt ihn das Lesen und Schreiben, bevor er nach dem Sommer eingeschult wird.
Da er viel Zeit zum Nachdenken hat, spekuliert der junge Archie über seinen Unfall:

 "(...) wäre der Ast nur winziges Stück näher dran gewesen, könnte von Dummheit gar keine Rede sein. Hätte Chuckie nicht an diesem Morgen geklingelt und ihn gefragt, ob er draußen mit ihm spielen wolle, wäre davon Dummheit keine Rede. Wären seine Eltern auf der Suche nach dem richtigen Haus in irgendeine andere Stadt gezogen, würde er Chuckie Brower nicht kennen (...) " (S.86)

- und der Unfall wäre nicht geschehen. Was wäre wenn?
Am Ende des Kapitels brennt Three Brothers Home World ab.

In darauffolgenden Kapitel 1.3. bin ich durcheinander geraten, denn plötzlich passten die Tatsachen nicht mehr zusammen und nach einigem Hin-und Herblättern und Nachrichtenaustausch mit Mira, haben wir erkannt, dass jedes Kapitel bereits eine unterschiedliche Variante von Archies Leben erzählt.
So wohnt er in 1.2. in West Orange, während er in 1.3. Milburn und in 1.4 in Maplewood, später in South Orange lebt.

"Vor dreieinhalb Jahren, als sie und sein Vater beschlossen hätten, aus der Wohnung in Newark auszuziehen und ein Haus zu kaufen, hätten sie sich mehrere Städte angesehen, Montclair und Maplewood, Milburn und South Orange, aber nirgends das richtige Haus gefunden (...)." (S.81, 1.2)

4 Varianten - 4 Wohnorte
Danach habe ich mir genau wie Mira einen Stammbaum gemacht und mir die Ereignisse der frühen Kindheit, die das weitere Leben Archies jeweils (!) prägen, notiert.



So erleben wir, wie verschiedene Archies in parallelen Welten aufwachsen oder wie Archie es in ausdrückt, er habe

"das beständige Gefühl, dass die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und der nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirklich auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen kennen, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer, aber das Qualvoll daran, in einem einzigen Körper am Leben zu sein (...) (S.1254)

Auster verleiht Archie "vier" Körper, vier Leben, die zeigen, wie er sich unter verschiedenen Umständen und Wohnorten entwickelt.
Meistens wird aus der Perspektive Archies erzählt, aber in einigen Situationen schaut der auktoriale Erzähler in die Köpfe anderer Figuren, die überlegen, was wäre wenn ich dies und jenes getan hätte, was wäre anders gewesen oder was wäre anders gekommen.
Ein Spiel mit parallelen Wirklichkeiten, ein Thema, das auch schon im "Mann im Dunkel" angeklungen ist.


Nach den vier Varianten der frühen Kindheit, erfahren wir in 2.1. bis 2.4, wie der junge Archie zum 11-13-jährigen Jugendlichen heranwächst.
In den Kapiteln 3.1-3.4 ist er in der Pubertät, erlebt die erste Liebe und macht erste sexuelle Erfahrungen. Die Zeit bis zum High School Abschluss wird in den 4er Kapiteln, das erste Jahr auf der Uni bzw. in Frankreich in den 5er Kapiteln erzählt. Die letzten beiden Teile widmen sich der Zeit auf der Universität und sind stark von den politischen Unruhen Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre geprägt.

Soviel zur Struktur - ohne allzu viel zu verraten. Ganz am Ende des Romans deckt Auster sehr geschickt die Konzeption des Romans auf und dann ergibt auch der Titel plötzlich einen Sinn.

Was uns beim Lesen beschäftigt hat, ist die Frage, wodurch sich die Archies in den einzelnen Varianten unterscheiden und was gleich bleibt. Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen sind unabhängig von den äußeren Umständen?

In allen Versionen ist Archie ein Sympathieträger, der auf unterschiedliche Art und Weise unkonventionell handelt, wie Mira treffend bemerkt hat.
Ein junger Mann, der nach Liebe sucht, loyal wenige, aber tiefgehende Freundschaften pflegt.
Er ist politisch interessiert, bleibt aber eher ein Beobachter, eine Randfigur mit gemäßigter liberaler Einstellung, der jedoch klar Stellung gegen den Vietnamkrieg bezieht.

Was gleich bleibt, ist die Figur der Mutter (immer Fotografin), von der Archie sehr geliebt wird und die bis zum Ende der High School Zeit seine Bezugsfigur, die wichtigste Person in seinem Leben ist.
Das Verhalten seines Vater hingegen wird von den äußeren Umständen beeinflusst. Während in der 1.Variante die Eltern permanent mit finanziellen Problemen kämpfen haben und sich dadurch eine verschworene Familiengemeinschaft bildet, ist in Version 4, der Vater beruflich erfolgreich und die Familie bricht auseinander.  In Variante 3, in der der Vater stirbt, beeinflusst das Archies Leben entscheidend, wir erleben den labilsten Archie,

(...) den stolzen, überempfindlichen, mit krankhaften Selbstzweifeln gesegneten Ferguson" (S.975).

Auch andere Figuren tauchen in unterschiedlicher Funktion in den einzelnen Varianten auf, wie die Familie Schneidermann:
Beim alten Schneidermann hat Rose ihre Ausbildung als Fotografin absolviert und dabei seine Sohne Gil und Dan kennengelernt - so viel sei hier verraten, sie bleibt ihnen verbunden und damit spielen sie auch in Archies Leben eine Rolle.
Auch Dans Kinder Jim und Amy (!) beeinflussen Archies Leben. Die Liebe zu Amy ist eine der Konstanten, wenn sie auch nicht in allen Variationen ein Paar werden.

"und noch einige Jahre lang würde sie die größten Freuden und die größten Qualen in sein junges Leben bringen und für ihn die unverzichtbare Andere sein, die er brauchte wie die Luft zum Atmen" (S.209, 2.1)

"Amy war die Dreingabe, das unter einem Haufen zerknülltem Einwickelpapier versteckte Geburtstagsgeschenk, das erst gefunden wird, wenn die Party vorbei ist und alle Gäste nach Hause gegangen sind." (S.336, 2.3)

Die Stelle offenbart Austers Vorlieben für Vorausdeutungen und auch für Vorankündigungen.
Das nimmt zwar einen Teil der Spannung, andererseits fokussiert es die Leser*innen auf bestimmte wichtige Vorkommnisse.
Ebenso hat er hat eine Vorliebe für Schicksalsschläge, die dem jungen Archie zustoßen und mit denen er in allen Varianten seines Lebens konfrontiert wird und die uns als Leserinnen getroffen haben. Mitlachen, mitfühlen und mitweinen.

"Alles eine Zeitlang stabil, und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke."(S.158)

Die Frage war: Welche Welt bewohnte Ferguson jetzt, und wie hatte diese Welt sich für ihn verändert? (S.506)


Wie in "Mann im Dunkel" gibt es im Roman einige Geschichten in der Geschichte: Kurzgeschichten Prosastücke von Archie, Allegorien, die auch die Konzeption des Romans "erklären".

In "Elf Augenblicke aus dem Leben des Gregor Flamm" erzählt er die Lebensgeschichte eines Menschen in 11 Momentaufnahmen, so dass

"trotz der Lücken und der Stille zwischen den einzelnen Teilen (...) der Leser sie im Kopf zusammenfügen (würde), sodass die gesammelten Szenen sich zu etwas summierten, das einer Geschichte oder mehr als einer Geschichte gleich - einem langen Roman im Kleinformat." (S.711)

Müssen wir uns Archie zusammensetzen - aus all den Varianten?

Interessanterweise ist die Liebe zum Lesen und zur Literatur, zu Filmen und zum Schreiben in "allen Archies" vorhanden. Das, was er schreibt, variiert, aber er schreibt - Reportagen, Berichte, Filmkritiken, Kurzgeschichten, Romane. Das kreative Talent bricht sich seine Bahn - unabhängig der äußeren Umstände.

Weitere Gemeinsamkeiten sind
  • Liebe zum Sport, Baseball und/oder Basketball
  • Liebe zu Frankreich und zur französischen Sprache
  • Veröffentlichungen, allerdings unter verschiedenen Namen, die zusammengesetzt, den vollen Namen ergeben: A.I. Ferguson, Archie Ferguson, Isaac Ferguson
  • Figuren, die verschiedenen Varianten auftauchen, wie Howard Small, der Archies Freund in 2.2. ist und in 5.4. sein Freund am College wird
  • ....
Ich könnte noch viele Seiten darüber füllen, was der Roman neben einem Entwicklungsroman noch zu bieten hat und hätte trotzdem das Gefühl, dem Roman nicht gerecht zu werden, der ein Buch über Bücher und Filme ist, ein Literaturkanon, eine Hommage an Paris, ein Buch über den Schreibprozess und ein Roman, der ein detailliertes Porträt der amerikanischen Geschichte von 1954-1971 zeichnet. Themen wie der Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, die Ermordung Kennedys, der Rassenkonflikt, die brennenden Ghettos amerikanischer Großstädte, die Entstehung der Black-Power-Bewegung...um nur einiges zu nennen, was Archies Leben beeinflusst und begleitet. Auch vor dem Thema Bi- und Homosexualität macht Auster nicht Halt.
Ein unglaublich vielfältiger Roman, der offensichtlich auch eine autobiografische Dimension hat, wenn man den Klappentext auf dem Rückumschlag liest. Wobei mich das beim Lesen weniger beschäftigt hat. Auster bezieht jedoch durch seinen sympathischen Protagonisten eine klare Position, spricht sich für die friedliche Studentenbewegung und die Emanzipation aus, gegen die Außenpolitik der USA in den 50er/60er Jahren, gegen die Rassendiskriminierung und gegen die Ausgrenzung Homosexueller,  nicht zufällig endet der Roman mit einem politischen Ereignis.

Trotz der Länge ist dieser Roman niemals langweilig, bis auf die Seiten über Baseball und Basketballspiele (ich kann diesen amerikanischen Sportarten nichts abgewinnen) habe ich jede Seite genossen und ehrlich gesagt, fällt mir der Abschied von Archie genauso schwer wie Mira. Eine sehr intensive Lesezeit und eine Lektüre, die ich weiterempfehlen möchte.

Hier geht es zu Miras Rezension.

1 Kommentar:

  1. Super Besprechung, liebe Tina. Habe deshalb selbst nicht so viel geschrieben. Hat Spaß gemacht mit dir zu lesen und sich auszutauschen. Freue mich schon auf den nächsten Auster mit dir.
    Ich grüße dich, Mira

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